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Bullis begeistern auch heute noch Menschen weltweit.© rhorex - Fotolia.com

VW-Bus-Szene: "Ein großes Wir-Gefühl!"

Zu Besuch beim Hamburger Bulli-Stammtisch

Lebensart von Kristina Vogt 19.04.2017

In der Hamburger Kneipe 'Shovel Road' unterhält sich die Seniorin mit dem bärtigen Herren in Lederjacke, das legèr gekleidete Paar mit dem Anzugträger. Ihnen allen gemein: die Liebe zum Bulli. Seit 2003 treffen sich die Volkswagen-Begeisterten jeden letzten Dienstag im Monat, um über VW-Bus-Reisen und Rostprobleme, Unterbodenversiegelung und allerlei Privates zu sprechen.

Der Mann, der das ermöglicht hat, lehnt an einem Holzbalken und beobachtet entspannt das Geschehen: Vor vierzehn Jahren rief der Veranstaltungsplaner Daniel den VW-Bus-Stammtisch Hamburg ins Leben.

Jeder ist willkommen

Im Gegensatz zu anderen Autotreffen anderer Marken ist die VW-Bus-Szene sehr gemischt, kommentiert Daniel, von A bis Z ist alles dabei, Studenten, Ärzte, Unternehmer, Rentner. Es ist eine vielfältige und bunte Szene, die offen ist für andere Menschen.

Jeder ist willkommen, betont Daniel. Eine Aussage, die man sofort glaubt. Alle sind per Du. Berührungsängste gibt es kaum. Beim Treffen sind verschiedene Generationen vertreten. Auch der persönliche Kleidungsstil ist alles andere als einheitlich. Neulinge werden sofort ins Gespräch verwickelt – und brauchen als Eintrittskarte nicht mal einen eigenen Bulli: Bianka ist zum Beispiel seit acht Jahren dabei und hat erst seit einem Jahr einen eigenen Bus.

VW-Bus-Stammtisch Hamburg© VW-Bus-Stammtisch Hamburg
Viele der Stammtischbesucher fahren einen VW T3.

Wer echtes Fahrgefühl erleben will, ist bei Daniel an der richtigen Adresse. Er selbst hat zwei VW T3: Wenn wir Bulli-Treffen besuchen, müssen die, die keinen eigenen Bus haben, einen von meinen fahren.

Keiner prahlt mit seinem Auto. Es ist egal, ob es abgewrackt oder total gestylt ist. Es gibt keinen Konkurrenzkampf, kommentiert auch Roland. Er sitzt mit etwa 30 Bus-Begeisterten an eng zusammengerückten Tischen. Roland und sein T3 sind seit Frühling 2007 dabei. Wie viele andere ist er geblieben.

VW-Bus-Gefühl: Freiheit, Gemeinschaftssinn & ein Zuhause auf Rädern

Aber was ist das VW-Bus-Gefühl nun eigentlich? Das Gefühl von Freiheit, sagt Daniel, ich habe mein kleines Zuhause immer dabei und kann jederzeit irgendwo übernachten. Wenn es mir an einem Ort gefällt, mach ich die Schiebetür auf, genieße und bin an nichts gebunden.

VW-Bus-Stammtisch Hamburg

Ort: Shovel Road, Gasstraße 2a, 22761 Hamburg
Datum: der letzte Dienstag jedes Monats
Zeit: ab 19:00 Uhr
Kontakt: www.vw-bus-stammtisch-hamburg.de

Der VW-Bus ist einzigartig. Es gibt nichts Vergleichbares, schwärmt Roland, der ganze Norden kennt sich. T3-Fahrer grüßen sich auf der Straße immer, auch wenn sie einander noch nie gesehen haben. Bei den T4- oder T5-Fahrern ist das nicht mehr ganz so selbstverständlich, das sei genauso wie bei den Mini-oder Käfer-Fahrern. Du rast nicht, sondern fährst ganz entspannt. Wenn Du einen anderen Bus siehst, fährst Du mit ihm zusammen weiter. Bulli-Fahrer stellen sich immer direkt neben Dich, auch wenn der Parkplatz leer ist. Es ist eine große Gemeinschaft, so Roland.

Frank, ebenfalls ein Stammtischler, kann das bestätigen: Seine Frau und er haben auf ihren Bulli-Reisen viel Schönes erlebt: Meinen ersten T3 habe ich von 1988 bis 2008 gefahren, einen Kastenwagen, Baujahr '83. Ich habe vorne die Trennwand rausgenommen, den Wagen wärmeisoliert, eine Holzverkleidung und selbstgebaute Möbel montiert. Obwohl die sorgsam gepflegten Busse des Paars zunehmend zur Zielscheibe von Dieben wurden, kommt es nicht vom T3 ab: Der ist halt was Besonderes. Den Aktuellen fahren wir seit 2013 und rüsten ihn gerade um, erklärt Frank und zeigt auf dem Handy Bilder des ehemaligen Postautos.

'Bullis verbinden': unterwegs auf VW-Bus-Treffen

Selbst ein verlängertes Wochenende fühlt sich an wie Urlaub, grinst Roland. Die Bulli-Treffen sind inzwischen fester Bestandteil seines Terminplans: Die geben unglaublich viel Lebensfreude. Es ist ein ganz großes Wir-Gefühl.

Und VW-Bustreffen gibt es in Deutschland mittlerweile zur Genüge. Zwischen April und September hast Du jedes Wochenende mindestens zwei anfahrbare Treffen mit 150 bis 200 Bussen, erläutert Daniel. In Deutschland gebe es neben diversen Stammtischen zudem die Organisation 'Bullis verbinden'. Sie veranstaltet für alle Bus-Liebhaber in Deutschland einmal jährlich unter anderem ein Treffen in Soltau. Zum 'Midsummer Bulli-Festival' auf Fehmarn seien 2016 sogar 1.500 Fahrzeuge angereist. Das Inseltreffen ist vielen VW-Bus-Fahrern allerdings inzwischen zu kommerziell. Es geht nicht mehr bei allen darum, gemeinsam Spaß zu haben, sondern bei manchen leider hauptsächlich um finanziellen Profit, so Roland.

Das nächste große Event ist das Maikäfertreffen am 1. Mai 2017 in Hannover, sagt Daniel, mit 40.000 Gästen ist es europaweit das größte Treffen für luftgekühlte Volkswagen-Oldtimer.

Stammtisch statt Verein: entspanntes Beisammensein ohne Verpflichtungen

Meistens sind wir zwischen 20 und 60 Leuten, sagt Daniel über den Stammtisch, ein Drittel ist immer da, ein Drittel besteht aus Neuen, ein Drittel kommt jedes fünfte bis sechste Mal. Viele haben nur wenig Zeit und lange Anfahrtswege, beispielsweise aus Stade oder Glückstadt.

Daniel hat sich deshalb dazu entschieden, keinen Verein, sondern einen Stammtisch zu gründen: Dadurch gibt es weder Verpflichtungen noch Vereinsgebühren. In unserem E-Mail-Verteiler sind 2.000 Leute registriert. Aktiv sind zwischen 300 und 400. Jeder bringt sich so ein, wie er Lust und Zeit hat.

VW-Bus-Stammtisch Hamburg© chiarafornasari - Fotolia.com
Bulli und Käfer hatten anfangs viel gemein: zum Beispiel den luftgekühlten Motor.

Damals war das noch nicht so der Hype

2003 gab es in Deutschland nur zwei bis drei VW-Bus-Stammtische in Düsseldorf und Berlin. Damals waren Bullis noch nicht so der Hype, sagt Daniel, der seit 1996 Treffen besucht und seit 1992 T3 fährt. Ich habe viele Stammtische sterben sehen. Man muss halt durchhalten, auch wenn monatelang nur vier, fünf Leute kommen.

Das erste Treffen fand im März 2003 auf Daniels Hof statt. Schon einen Monat später zogen die Volkswagen-Fans in die Bahrenfelder Rocker-Kneipe um. Ein Grund für die Wahl des Lokals: die vielen Parkplätze. Denn einfach ist es nicht, in der Hamburger Innenstadt einen Haufen Bullis abzustellen. Und schließlich nehmen viele für das allmonatliche Treffen lange Strecken auf sich.

Das Kneipen-Flair stimmt auch, das Essen ist gut, das Personal entspannt: Das 'Shovel Road' orientiert sich laut dessen Webseite an den Bars entlang der Route 66 in den USA. In den letzten 20 Jahren haben Motorrad- und Oldtimerliebhaber Schätze von ihren Reisen um den Globus mitgebracht; Straßenschilder und andere Souvenirs schmücken die Wände über Holzbänken und hinter Billard-Tischen. Im Sommer dürfen wir auf dem Hof grillen und unser eigenes Fleisch mitbringen, sagt Daniel. Geöffnet ist auch während des VW-Bus-Treffens für die Allgemeinheit, aber wer zum Stammtisch gehört, darf anschreiben.

Workshops & gewerblich genutzte T2-Oldtimer

Zu tun ist immer viel. Von der Präsenz auf Treffen bis hin zur Organisation von Oldtimer-Rallyes: Im Frühjahr und Herbst haben wir außerdem die T3- und T4-Workshops, bei denen es um die Stärken und Schwächen der Fahrzeuge geht, erklärt Daniel.

VW-Bus-Stammtisch Hamburg© Tarifcheck.de
Beim T3-Workshop gibt Daniel wertvolle Pflege- und Reparatur-Tipps.

Wer interessiert ist, sollte sich zeitig anmelden, denn die Workshops sind schnell ausgebucht. Kein Wunder, insbesondere bei älteren Modellen ist die Technik zwar überschaubar, aber eben doch komplex: Wir haben oft Leute, die noch nie unterm Bus waren.

Wisse man, wie man seinen Bulli pflegen müsse, würden sie lange halten, kommentiert Daniel, die sind unglaublich robust. Viele T2, die zwischen 1967 und 1979 gebaut worden sind, werden in Hamburg immer noch gewerblich genutzt, von Schreinern und Malern zum Beispiel. Die Fahrzeuge mussten dafür nicht einmal restauriert werden.

Bulli-Doktoren und die Schatzsuche nach Ersatzteilen

Es ist gut, wenn Du Dich an jemanden wenden kannst, wenn Du mal nicht weiterkommst, meint Daniel, er besitzt eine umfassende Fachliteratursammlung zu den verschiedenen Modellen und beantwortet fast täglich Fragen fürsorglicher VW-Bus-Besitzer.

Auch die Schatzsuche nach Ersatzteilen ist bei älteren Modellen manchmal eine Herausforderung. Aber keine Panik, die Bulli-Profis am Stammtisch empfehlen nicht nur vertrauenswürdige Ersatzteilhändler, sondern kennen auch kompetente Mechaniker.

Das Netzwerk ist großartig, bestätigt Heiko beim Klönschnack im Kneipen-Hof. Er kann sich den Stammtisch aus seinem Alltag nicht mehr wegdenken. Der ist schon zehn Jahre bei mir, sagt er über seinen T4. Heiko hat schon häufig Ersatzteile bekommen, ohne dass der Verkäufer damit Profit gemacht hat.

Aber das ist für Heiko nicht das Wichtigste. Der Stammtisch hat mir über die Jahre großen Rückhalt gegeben, auch privat. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt. Inzwischen bin ich jedes Wochenende auf Bulli-Treffen unterwegs.

Bulli-Kontakte in alle Welt

Der Hamburger Stammtisch ist mittlerweile weltweit vernetzt: Die VW-Bus-Szene ist international. In Europa kennen wir überall Leute, aber auch in Asien, Amerika und Australien haben wir Kontakte. Dort gibt es inzwischen auch Stammtische, kommentiert Daniel, viele machen Weltumrundungen mit dem Bulli.

Die vielen Kontakte der Hamburger VW-Bus-Fans ist vor allem Daniels Verdienst. Er ist seit 15 Jahren im Veranstaltungsbereich tätig, hat sein Hobby zum Beruf gemacht und ist auf Stadtparkrennen und Messen stets präsent. Gelebt habe ich in den letzten 15 Jahren aber hauptsächlich von einem Online-Shop, sagt Daniel. Die Produkte: VW-Bus-Merchandise. Daniel grinst: Den VW-Bus werde ich wohl nie müde werden.

VW-Bus-Modelle von den Anfängen bis heute

Auch über die einzelnen Bulli-Typen weiß Daniel natürlich bestens Bescheid. Seit dem Produktionsbeginn 1950 hat sich einiges getan: