Der Sootje kommt! Interview

Von Beruf Schornsteinfeger: "Der Sottje kommt!"

(Silvester-)Glück und brandsichere Häuser

von Kristina Vogt 30.12.2016

Jeder freut sich über den Besuch des Schornsteinfegers. Aber warum gelten sie eigentlich als Boten des Glücks? Klettern sie auch heute noch über Dächer und kehren Schornsteine? Und wieso heißen sie im Volksmund 'Sottje'? Wir sprachen mit Mario Ratzmann. Seit 1993 arbeitet er im 'Schornsteinfegerbetrieb Holger Wels' und sorgt im Hamburger Kehrbezirk Bergedorf für Glück und brandsichere Behausungen.

Sie arbeiten seit 1993 beim Betrieb Holger Wels als Schornsteinfeger. Wie kommt man darauf, diesen Beruf zu ergreifen?

Mario Ratzmann: Ich bin seit 34 Jahren Schornsteinfeger. Damals hat mein Vater mir gesagt: Such Dir eine Ausbildung! Als ich mich im Ort auf die Suche gemacht habe, hing in einem Schaufenster dann ein Zettel mit der Ausschreibung zum Schornsteinfegergesellen. Den habe ich genommen, und so kam das.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf besonders?

Mario Ratzmann: Man lernt unendlich viele Menschen kennen, tut was für die Umwelt und hat einen traumhaften Blick über die Umgebung. So einen Blick über die Dächer hat sonst niemand. Gerade hier im Hamburger Stadtteil Bergedorf mit den ganzen alten Bezirken. Und man klettert und kraxelt viel. Das habe ich schon als Kind gerne getan.

Sie sind also immer noch viel auf Dächern unterwegs und fegen Schornsteine? Oder ist das eine romantische Klischeevorstellung?

Mario Ratzmann: Ja natürlich ist das immer noch ein Teil meiner Aufgabe. Ich mache das sehr gerne. Andere Schornsteinfeger bevorzugen vielleicht Abgasmessungen oder die Beratung. Ich klettere gerne auf Dächer. Es ist immer noch wunderbar dort oben.

Schornsteinfeger Mario Ratzmann© Mario Ratzmann
Der Beruf hält jung: Mario Ratzmann ist seit 34 Jahren Schornsteinfeger.

Gibt es viele Leute, die Ihre Hand schütteln möchten, weil es Glück bringt?

Mario Ratzmann: Ja, das passiert dauernd. Die Leute möchten die Hand schütteln, die Schulter berühren, den Zylinder anfassen, am Knopf drehen. Ich habe inzwischen in meinen Taschen kleine Schornsteinfegerpuppen, die ich verteile.

Warum bringen Schornsteinfeger eigentlich Glück, wissen Sie, woher der Brauch kommt?

Mario Ratzmann: Früher gab es viele Brände, weil sich durch die Nichtreinigung der Schornsteine zu viel Ruß gebildet hat. Wenn der Ruß sich erst entzündet hat, konnte er kaum noch gelöscht werden. Bei einer Verstopfung des Schornsteins konnten die Abgase zudem nicht abziehen, strömten zurück in den Wohnraum und bargen eine Vergiftungsgefahr für die Bewohner.

Ein Brand war bei der Bauweise der alten Häuser sehr gefährlich. Wenn ein Lehm- oder Reetdachhaus anfängt zu brennen, ist es oft nicht mehr zu retten und gefährdet auch die umliegenden Häuser. Schornsteinfeger haben durch ihre Tätigkeit Schornsteinbrände verhindert und tun das auch heute noch, deshalb gelten sie als Glücksbringer. In Norddeutschland fing das 1869 mit der Gewerbeordnung an, die die Einrichtung von Kehrbezirken erlaubte.

Ihr Beruf umfasst sehr viel mehr als nur das Kehren von Schornsteinen und Reinigen von Öfen, wofür sind Sie noch zuständig?

Mario Ratzmann: Wir überprüfen die gesamte Heizungsanlage. In erster Linie geht es natürlich darum, eine Sicherheit herzustellen, zu gucken, dass Abgase einwandfrei abgeführt werden, die Abgaswerte in Ordnung sind, die Anlage fehlerfrei funktioniert. Früher konnte man das mehr über die Schornsteine machen, heute spielen die Feuerstätten selber da deutlich mehr mit rein.

Wir verändern nichts an den Anlagen. Wenn wir Mängel feststellen, bekommt der Kunde die Aufforderung, das durch einen Betrieb in Ordnung bringen zu lassen.

Wir sind inzwischen auch zunehmend als Berater tätig, für Brandschutz, die Dämmung der Heizung. Wir in unserem Betrieb sind beide ausgebildete Energieberater für Gebäudetechnik und Fassaden und können auf Wunsch Energieausweise für Privatkunden erstellen.

Das ist ein Service, den man oft auch nebenher macht. Wenn zum Beispiel bei Oma Meyer das ganze Dach wärmegedämmt ist, aber die Bodenluke dazwischen nicht, dann fragt man, ob sie nicht auch dort eine Dämmung anbringen lassen möchte; die Luke ist eine absolute Kältebrücke zu Lasten von Umwelt, Energieverbrauch und Energiekosten.

Oder man ist bei einem Kunden auf dem Dach und er fragt anschließend: War denn alles in Ordnung? Dann sagt man: Sie müssten Ihre Dachrinne wieder mal saubermachen, oder vorne links ist ein Ziegel kaputt. Sie müssten mal den Dachdecker anrufen. Der Kunde selbst kommt in diesen Bereich seines Hauses ja gar nicht.

Abgesehen von Ihren Berateraufgaben – inwiefern hat sich der Beruf des Schornsteinfegers gewandelt, seitdem Sie in der Branche tätig sind?

Mario Ratzmann: Ich habe noch viel mit Ofenheizungen gelernt. Man ist morgens aufs Dach gegangen, mittags wieder runtergekommen und hatte dort oben unendlich viele Schornsteine. Heute geht der Trend wieder etwas mehr zur Ofenheizung – in Mehrfamilienhäusern im Einsatzbereich der Stadt. Es ist aber nicht mehr so wie früher, als man auf die Dächer der Einfamilienhäuser hochgestiegen ist, unendlich weit gucken konnte und alles war voller Schornsteine.

Wieso kommt dieser Trend wieder? Was spricht für und gegen Ofenheizungen?

Mario Ratzmann: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Wenn man Holz verbrennt, spart man an CO², hat aber eine höhere Feinstoffbelastung. Man geht nicht mehr in den Wald und hackt dort Holz. Man kauft es im Laden, weil man nicht in der Lage ist, ein paar Bäume zu fällen. Der Preis für Holz ist heute sehr, sehr teuer, gerade im Hamburger Raum. Preislich gesehen kann man dann auch eine Öl- oder Gasheizung nutzen. Gas und insbesondere Öl hingegen sind keine regenerativen Brennstoffe. Wir verheizen etwas, was wir nur noch bedingt zur Verfügung haben.

Der klassische Schornsteinfeger wird mit schwarzer Kleidung, Hut, Leiter und einem seilartigen Reinigungsgerät abgebildet – welche Ausrüstung gehört zu Ihrem Alltag?

Mario Ratzmann: Wir legen Wert auf Tradition. Wir tragen Zylinder, einen Zweireiher, ein weißes Halstuch. Mich irritiert es, wenn Kollegen im Kittel auftreten, wir haben so eine schöne Tracht. Und es macht die Menschen froh, wenn sie einen Schornsteinfeger sehen.

Wir haben natürlich auch unendlich viele Mess- und Kehrgeräte: Die Eisenkugeln wiegen zum Beispiel um die 2,5 Kilogramm. Sie laufen auf einer Kette an einer Kehrleine auf und ab. Durch das Gewicht der Kugeln bleibt man beim Reinigen der Schornsteine nicht stecken. Die Leine ist 20 Meter lang und reicht vom Schornstein bis in den Keller. Als Lehrling verheddert man sich dauernd in dieser Leine.

Mit einem Schultereisen reinigt man den Ruß aus den Schornsteinklappen. Passend dazu gibt es den Sotsack. 'Sot' ist das Hamburger Wort für Ruß. Deshalb nennt man den Schornsteinfeger in Hamburg auch oft den 'Sottje'. Früher habe ich keine Zettel an die Tür gehängt, sondern mit Kreide einen Besen an die Tür gemalt und daneben das Kürzel für den Wochentag. Dann wussten die Leute zum Beispiel: 'Der Sottje fegt Dienstag.'

Wenn es soweit war, habe ich gerufen: Der Sottje kommt! Die Leute haben dann ihre Öfen abgedichtet, während ich kehre. Tut man das nicht, hat man eine schwarze Bude. Manchmal hat jemand dann auch zurückgerufen: Warte noch mal, ich bin noch nicht so weit!

Heute nutzen wir Zettel. Junge Kunden kennen das ja nicht mehr.

Durch Ihren Beruf sind Sie selber ein Symbol des Glücks – gerade zum Jahreswechsel. Gibt es Silvesterbräuche, die Ihnen persönlich wichtig sind?

Mario Ratzmann: Nein, eigentlich nicht. Meine Frau und ich genießen, dass unsere Kinder erwachsen sind und wir nun wieder feiern gehen können. Dieses Sylvester gehen wir mit Freunden in die Hamburger Fischauktionshallen und davor im Portugiesenviertel essen.

Was aber sehr schön ist: Zum Neujahrsempfang besuche ich immer eine Grundschule, einen Kindergarten und erkläre den Kindern, was der Schornsteinfeger macht. Früher waren die Kinder zuhause, wenn der Schornsteinfeger kam, heute sind sie im Kindergarten und bekommen das gar nicht mehr mit. Weil ich einen schwarzen Zylinder habe, fragen sie mich dann oft mit großen Augen: Bist Du ein Zauberer?

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