Lebensmittelunverträglichkeiten: Interview mit einer Ernährungswissenschaftlerin© kichigin19 - Fotolia.com
Interview

Lebensmittelunverträglichkeiten – Interview mit einer Fachfrau

24.05.2018

Immer mehr Hersteller werben mit Produkte ohne Gluten, Laktose oder Fruktose. In welchen Fällen macht der Verzicht überhaupt Sinn? Bei welchen Beschwerden ist eine Ernährungsberatung notwendig? Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Birgit Schramm hat Antworten.

Viele Verbraucher greifen auf den bloßen Verdacht hin oder sogar vorsorglich zu Produkten ohne Laktose & Co. Für Menschen ohne Unverträglichkeit sind diese Produkte schlichtweg überflüssig, erklärt Schramm.

Birgit Schramm ist Diplom-Ernährungswissenschaftlerin, auch Oecotrophologin genannt. Als zertifizierte Beraterin des Berufsverbands Oecotrophologie e.V. (VDOE) verfügt sie über 25 Jahre Berufserfahrung und betreut in ihrer Praxis in Hamburg-Altona schwerpunktmäßig Klientinnen und Klienten mit Lebensmittelunverträglichkeiten und Essstörungen.

In Einzel- oder Kleingruppengruppenberatungen geht Schramm individuell und einfühlsam auf die jeweiligen Anliegen ein. Neben Ernährungsberatung und Ernährungstherapie bietet sie zusätzlich Yoga-Unterricht an, denn entsprechend ihrer Erfahrung gehen gesunde Ernährung, ein gutes Körpergefühl und innere Ruhe Hand in Hand. Das Portfolio ist über www.ihre-ernaehrungsberatung-hamburg.de abrufbar.

Ernährungsberaterin Birgit Schramm© Birgit Schramm
Ernährungsberaterin Birgit Schramm hat 25 Jahre Berufserfahrung.

Sind Produkte ohne Laktose, Fruktose oder Gluten immer gesünder?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Produkte ohne bestimmte Inhaltsstoffe implizieren Verbrauchern, dass sie sich und ihrem Körper etwas Gutes tun – und das oft zu einem deutlich höheren Preis.

Gluten, Laktose und Fruktose sind jedoch keineswegs schädliche Lebensmittelzusätze, sondern natürliche Bestandteile von Lebensmitteln. Greifen Sie also nicht auf bloßem Verdacht hin zu solchen Lebensmitteln.

Und wenn man eine Diagnose für eine Lebensmittelunverträglichkeit bekommen hat?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Eine Lebensmittelunverträglichkeit macht natürlich keinen Spaß: Lieblingsgerichte müssen plötzlich vom Speisezettel gestrichen werden und der unbeschwerte Genuss von Speisen bei Freunden, auf Feiern und in Restaurants wird erschwert. Die Diagnose kann aber auch eine Erleichterung sein. Endlich gibt es eine Erklärung für die dauerhaften Magen-Darm-Beschwerden. Zwar sind Lebensmittelunverträglichkeit nicht heilbar, trotzdem gibt es viele Möglichkeiten, die eigene Lebensqualität zu verbessern.

Ist eine Ernährungstherapie dann sinnvoll?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Wenn bei Ihnen eine Lebensmittelunverträglichkeit diagnostiziert wurde, sollte Ihnen der behandelnde Arzt eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung ausstellen und zwar mit dem Hinweis "Ernährungstherapie aufgrund Diagnose X." Die Praxis für Ernährungstherapie erledigt dann den Kostenvoranschlag bei Ihrer Krankenkasse. Diese bezuschusst dann für maximal fünf Sitzungen die Kosten einer qualifizierten Ernährungsberatung.

Zuschüsse der Krankenversicherungen

Gesetzliche Krankenkassen bezuschussen bei Vorlage eines Rezepts maximal fünf Beratungsstunden. Private Krankenversicherungen und Krankenzusatzversicherungen tragen die Kosten je nach Tarif nach Antragstellung. Wichtig ist, dass die Fachkraft eine von den Versicherungen anerkannte Qualifizierung und Zertifizierung hat.

Ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit eine Allergie?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Viele Menschen denken, Lebensmittelunverträglichkeiten und Lebensmittelallergien seien ein und dasselbe. Es gibt jedoch wesentliche Unterschiede.

Bei einer Unverträglichkeit liegt ein Enzymdefekt oder ein Enzymmangel vor. Bei einer Allergie wehrt unser Immunsystem hingegen bestimmte Substanzen ab und bildet Antikörper. Treffen diese Antikörper auf die Allergene, reagieren sie stark, wodurch die Beschwerden auslöst werden. Anders als eine Lebensmittelunverträglichkeit wie zum Beispiel von Laktose kann eine Allergie – zum Beispiel gegen Erdnüsse – lebensgefährlich sein. Die Allergieauslöser müssen deshalb unbedingt gemieden werden. Allergien gegen Laktose, Gluten und Fructose gibt es dabei nicht, es handelt sich in diesen Fällen stets um Unverträglichkeiten.

Ist ein kompletter Verzicht auf bestimmte Lebensmittel auch bei einer Unverträglichkeit notwendig?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Wurde eine Lebensmittelunverträglichkeit diagnostiziert, ist eine Schonzeit von etwa 14 Tagen ratsam. Die "Beschwerdeauslöser" sollten in dieser Zeit nicht gegessen werden, damit sich das angeschlagene Magen-Darm-System erholen kann.

Ein kompletter Verzicht ist anschließend meist nicht mehr nötig, im Gegenteil: Da es hier ganz ohne Antikörper zu allergieähnlichen Symptomen kommt, gibt es meist eine individuelle Toleranzschwelle. Viele Menschen können trotz einer Intoleranz geringe Mengen Laktose oder Fruktose zu sich nehmen. Tastet man sich an die Mengen heran, die noch gut vertragen werden, entgeht man dem Risiko, dass die Unverträglichkeiten weiter zunehmen.

Manchmal ist auch die Essenszeit oder Kombination mit anderen Lebensmitteln ausschlaggebend. Nach einer ausgewogenen Hauptmahlzeit wird die Laktose im Joghurt meist noch ganz gut vertragen, wohingegen ein Verzehr auf leeren Magen nicht ratsam ist.

Was passiert zum Beispiel bei einer Laktoseunverträglichkeit?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Laktose ist der Zucker, der natürlicherweise in Milch und Milchprodukten enthalten ist. Damit der Darm diesen Zucker aufnehmen kann, muss die Laktose in ihre beiden Bestandteile Glukose und Galaktose aufgespalten werden. Hierfür ist das Enzym Laktase verantwortlich. Sowohl eine extreme Ernährungsweise zum Beispiel mit sehr vielen Milchprodukten als auch die Genetik können jedoch dafür verantwortlich sein, dass manchen Menschen zu wenig Laktase produzieren. Dies kann im Laufe der Zeit zunehmen oder auch durch eine instabile Körpersituation auftreten – etwa nach Antibiotika-Einnahme oder bei chronischem Stress.

Der nicht aufgespaltene Milchzucker kann im Dünndarm nicht aufgenommen werden und gelangt unverdaut in den Dickdarm. Die dort lebenden Darmbakterien fangen an, den Zucker zu zersetzen. Es entstehen Gase und andere Abbauprodukte, welche dann Beschwerden wie Blähungen und Bauchschmerzen, aber auch Durchfall und Übelkeit hervorrufen.

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Was raten Sie Menschen mit einer Laktoseintoleranz?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Meist müssen Betroffene nicht vollständig auf Milchprodukte verzichten. Eine laktosearme Kost reicht aus, um beschwerdefrei zu leben.

Die Verträglichkeit von laktosehaltigen Produkten ist dabei sehr unterschiedlich und muss individuell zuhause ausprobiert werden. Länger gereifte Käsesorten wie alter Gouda, Parmesan oder Bergkäse sowie andere Hartkäsesorten enthalten durch den natürlichen Abbau im Reifeprozess so gut wie keine Laktose mehr und werden meistens sehr gut vertragen.

Nach einer eiweiß- und/oder fettreichen Mahlzeit sind einige Milchprodukte in eingeschränkten Mengen häufig ebenfalls unproblematisch, dazu gehören zum Beispiel Sauermilcherzeugnisse wie Joghurt, Quark und Kefir. Probiotische Joghurts sind dabei besonders gut verträglich, da diese bakterielle Laktase enthalten. Außerdem sind im Lebensmittelhandel mittlerweile viele laktosefreie Milchprodukte erhältlich.

Was ist mit "versteckter" Laktose? Worauf sollten Betroffene achten?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Laktose findet sich nicht nur in Milchprodukten, sondern auch "versteckt" in vielen anderen Lebensmitteln. Sie dient als Bindemittel in Backwaren, Süßigkeiten, Soßenbindern, Müsli und (fettreduzierten) Wurstwaren sowie vegetarischen Ersatzprodukten. Deswegen sollte man vor allem bei Fertigprodukten immer auf die Zutatenliste achten.

Sind Sie sich nicht sicher, ob Sie ein bestimmtes Gericht vertragen – zum Beispiel bei Einladungen oder Restaurantbesuchen – helfen auch Laktasetabletten. Diese können Sie in jeder Apotheke und sogar in Drogerien bekommen.

Lebensmittel Laktose pro 100 Gramm Verträglichkeit
Margarine weniger als 0,1 verträglich
Pecorino weniger als 0,1 verträglich
Roquefort weniger als 0,1 verträglich
Leerdammer weniger als 0,1 verträglich
Gorgonzola weniger als 0,1 verträglich
Edamer weniger als 0,1 verträglich
Chester weniger als 0,1 verträglich
Gouda weniger als 0,1 verträglich
Cheddar weniger als 0,1 verträglich
Parmesan weniger als 0,1 verträglich
Bitterschokolade 0,25 in der Regel verträglich
Salami 0,30 in der Regel verträglich
Appenzeller 0,32 in der Regel verträglich
Brie 0,39 in der Regel verträglich
Camembert 0,43 in der Regel verträglich
Feta 0,53 in der Regel verträglich
Butter 0,64 in der Regel verträglich
Emmentaler 0,67 in der Regel verträglich
Ricotta 1,18 individuell verträglich
Kochschinken 1,25 individuell verträglich
Ayran 1,60 individuell verträglich
Mozzarella 1,70 individuell verträglich
Crème fraîche 2,61 individuell verträglich
Mascarpone 2,90 individuell verträglich
Quark 2,96 individuell verträglich
Frischkäse 3,0 individuell verträglich
Schichtkäse 3,03 individuell verträglich
Hüttenkäse 3,23 individuell verträglich
Sauerrahm 3,41 individuell verträglich
Sahne 3,59 individuell verträglich
Magerquark 3,68 individuell verträglich
Crème double 3,88 individuell verträglich
Joghurt 3,91 individuell verträglich
Buttermilch 4,19 individuell verträglich
Ziegenmilch 4,28 individuell verträglich
Dickmilch 4,37 individuell verträglich
Molke 4,46 individuell verträglich
Kefir 4,53 individuell verträglich
Schafsmilch 4,58 individuell verträglich
Kuhmilch 4,73 individuell verträglich
Büffelmilch 4,95 individuell verträglich
Kamelmilch 5,0 individuell verträglich
Schmelzkäse 5,23 nicht verträglich
Eselmilch 6,10 nicht verträglich
Eiscreme 6,26 nicht verträglich
Grießbrei 6,30 nicht verträglich
Milchschokolade 9,63 nicht verträglich
Kondensmilch 11,24 nicht verträglich
Vollmilchpulver 35,03 nicht verträglich
Magermilchpulver 50,94 nicht verträglich
Molkenpulver 65,70 nicht verträglich
Quelle: www.lebensmittelunvertraeglichkeiten.de

Ernährungswissenschaftlerin Schramm empfiehlt folgende laktosefreie beziehungsweise laktosearme Lebensmittel, sie alle haben einen hohen Calciumgehalt:

  • Parmesan 36 % Fett i. Tr.
  • Gouda 45 % Fett i. Tr.
  • Mandeln
  • Haselnüsse
  • Leinsamen
  • Kichererbsen
  • Weiße Bohnen
  • Linsen
  • Grünkohl
  • Mangold
  • Brokkoli
  • Feigen
  • Orangen

Kann es bei einer Laktoseunverträglichkeit zu Mangelerscheinungen kommen?

Ernährungsberaterin Birgit Schramm: Da viele Milchprodukte nicht nur einen hohen Laktose-, sondern auch einen hohen Calciumgehalt aufweisen, sollten Sie im Falle einer Laktoseunverträglichkeit auf eine ausreichende Calciumversorgung achten.

Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung e.V. wird gesunden Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von schätzungsweise 1000 Milligramm empfohlen. Laktosefreie Ersatzprodukte oder Getreide-Drinks, Getreide-Joghurts & Co. werden in vielen Fällen mit Calcium angereichert

Tipps zur Steigerung der Calciumaufnahme

Ernährungsberaterin Schramm empfiehlt folgende Maßnahmen zur Steigerung der Calciumaufnahme:

  • Achten Sie bei Mineralwasser auf einen hohen Calciumgehalt von mindestens 150 Milligramm pro Liter.
  • Sojadrinks, Mandeldrinks & Co. werden mit Calcium angereichert und bieten einen guten Ersatz zur Kuhmilch.
  • Schütten Sie nach dem Kochen von Gemüse das Kochwasser nicht weg. Es enthält viel, beim Kochen ausgewaschenes Calcium.
  • Würzen Sie mit (frischen) Kräutern statt Salz. Zuviel Kochsalz kann die Calciumausschüttung begünstigen.
  • Kaffee sollten Sie nur in Maßen trinken. Übermäßiger Konsum fördert die Calciumausschüttung über die Nieren.
  • Bewegen Sie sich möglichst viel im Freien und verzehren Sie zweimal wöchentlich Fisch. Beides versorgt Sie mit Vitamin D, was nicht nur die gute Laune steigert, sondern auch wichtig für die Calciumaufnahme ist.