Besondere Berufe: Was macht ein Erschrecker?

von Kristina Vogt 31.10.2016

In der Hamburger Speicherstadt gibt es Piraten, Folterknechte und Pestärzte. Auch heute noch. Wo man die trifft? Im schaurig-schönen Dungeon! Was erwartet das Publikum in den alten Gemäuern auf der einstigen Elbinsel? Und welche Versicherungen braucht ein Erschrecker? Wir sprachen mit zwei Mitarbeitern der außergewöhnlichen Touristenattraktion.

Wenig Splatter, viel schwarzer Humor

Schon um zehn Uhr morgens stehen gut gelaunte Gruppen am sonnendurchfluteten Eingang: Beamte beim Betriebsausflug, exotisch gekleidete Herren eines Junggesellenabschieds, sogar eine Kindergeburtstagsparty ist darunter. Erlaubt ist der Spaß für Kinder ab zehn Jahren; mit 15 darf man die Katakomben ohne volljährige Begleitung betreten. Bereits 2013 wurden Horrorkabinett und Splatter-Make-up zugunsten von schwarzem Humor und Familienfreundlichkeit entschärft.

Marketing-Koordinatorin Linda Best beschreibt die Show als interaktive Zeitreise mit 13 wahren Geschichten in 13 Räumen, die mindestens 100 Jahre alt sind – für Adrenalin-Freunde gibt es Spezialeffekte, eine Wildwasserbahn und einen Freifallturm. Dabei besonders wichtig: Die Reise wird von professionellen Schauspielern begleitet. Nadine König zum Beispiel. Ohne Make-up wirkt sie nicht besonders gruselig, genauso wenig wie Linda Best: Herzlich, fröhlich und sofort per Du zeigen sie den Weg hinter die Kulissen in das Herz des Dungeons. Henker und andere Unholde schminken sich dort vor großen Spiegeln düstere Augenringe. Vermeintliche Fieslinge erzählen fröhlich von den Abenteuern der letzten Nacht, flicken ihre Kostüme und studieren die aktuelle Gästeliste.

Auch Nadine König bereitet sich vor. Sie spielt die unberechenbare, passiv-aggressive Klara Mathilde, eine Piratin um Klaus Störtebeker. Nadine erklärt: Jeder von uns entwirft seinen eigenen Charakter mit individuellen Macken, einer Geschichte und Vergangenheit. Auf der Grundlage dieser Figur müssen wir alle alles spielen können – also jeder spielt den Pestarzt, jeder spielt den Piraten.


60 Shows in acht Stunden

Und zwar jeden Tag rund 60 Mal – denn eine Show dauert nur sieben bis neun Minuten: Für diese Art des Schauspiels braucht man eine andere Kondition und Konzentration als am Theater, so Nadine aka Klara Mathilde. Auch die Interaktion mit dem Publikum ist weitaus intensiver: Man versucht, ein persönliches Verhältnis aufzubauen, steht nicht auf einer erhöhten Bühne, sondern vor dem Zuschauer und guckt ihm direkt in die Augen.

Eine Herausforderung für das 63-köpfige Schauspielteam und die Techniker: Jede Geste muss sitzen. Bei Zuschauergruppen von bis zu 36 Leuten muss man binnen kürzester Zeit Gänsehaut und Gelächter provozieren. Alle Schauermärchen basieren auf wahren Begebenheiten. Viele sind Adaptionen vom Mutterhaus, dem Londoner Dungeon. Alle haben jedoch einen Hamburger Bezug, etwa die Geschichte um die Hinrichtung von Störtebeker. Und wer denkt, das Publikum könnte sich gepflegt gegruselt zurücklehnen, der irrt. Die Gäste werden Teil der Geschichten, bezwingen mit Schmugglern die Fluten und müssen im Folterkäfig ihre Sünden beichten.

Nadine König in der Umkleide des Hamburger Dungeons© Tarifcheck.de - Kristina Vogt
In der Umkleide des Hamburger Dungeon: Nadine König aka Klara Mathilde.

Es ist ein sehr, sehr dunkler Humor. Viele springen darauf sehr positiv an, sagt die Schauspielerin, sie lassen sich darauf ein, weil das Theater ein geschützter Raum ist. Einige Gäste würden aber auch versuchen, gegen die Autorität der Klabautermänner und Zuchthausleiter vorzugehen; andere seien zunächst überfordert, wenn sie von düsteren Gestalten direkt angesprochen würden, aber wenn man die auf eine positive Art mitnimmt, werden sie relativ schnell warm, erklärt Nadine.


Menschenkenntnis & die Faszination am Schauermärchen

Das A und O: Schnell ein Gruppengefühl zu erzeugen. Und das passiert bereits in der ersten Show: Einige Gäste müssen sich namentlich vorstellen, manchmal werden Gruppenleiter ausgerufen oder es wird mit Schadenfreude gearbeitet: Wenn man merkt, die Zuschauer können ein bisschen was ab, steigert man die Rolle, wird ein bisschen schurkiger, sagt die professionelle Halunkin, bei Kindergeburtstagen schrauben wir den Gruselfaktor natürlich herunter.

Ist Menschenkenntnis in der Erschrecker-Branche essentiell? Nadine überlegt, während sie am Frisiertisch ihre Haare hochsteckt. Ich glaube, dass man als Schauspieler generell lernt zu beobachten. Man brauche eine Grundmenschenkenntnis, um zu sehen, ob man einen Gast einbeziehen könne, oder oder er sich gerade so unglaublich gegruselt fühlt, dass man ihn gar nicht ansprechen kann.

Von jeher wird der Mensch von düsteren Geschichten, blutrünstigen Details und morbiden Charakteren magisch angezogen – aber wieso eigentlich? Menschen haben genau diese Dinge getan, die so gruselig sind, sagt Nadine, darüber nachzudenken, übt einen ganz schmalen Grad von Faszination aus, glaube ich, weil es für manche Menschen nicht begreifbar ist.


Heiratsanträge unter Horrorgestalten & glückliche Galgenvögel

Im Hamburger Verlies wird nicht nur Furcht verbreitet, manchmal gibt es sogar echte Romantik: Das schönste Erlebnis hatte Nadine kurz nach Beginn ihrer Erschrecker-Karriere vor eineinhalb Jahren: Das war ein Heiratsantrag: Die Frau war ein ziemlich ängstlicher Gast. Auf einmal kniete ihr Freund vor ihr nieder, und sie wusste gar nicht mehr, wie sie reagieren soll. Aber sie hat 'ja' gesagt. Alle Kollegen, die nicht direkt danach in Shows spielen mussten, durften zuschauen.

Gibt es manchmal Tage, an denen man selber so glücklich ist, dass die Rolle der hinterhältigen Halunkin schwer fällt? Im Gegenteil, grinst Nadine, dann ist man ganz fröhlich gemein. Das hat eine unglaubliche Kraft. Es ist immer das Nonplusultra, wenn man beim Bösesein oder als Folterknecht richtig schön glücklich ist. Du bist noch glaubwürdiger, und die Leute denken, Du hast total den Schatten.

Man hört immer wieder von Filmschauspielern, die für eine Rolle monatelang Gewichte stemmen oder 20 Kilos zunehmen. Nadine selbst sagt, ihr Charakter sei aus ihr entstanden. Inwieweit muss sie sich mit der Rolle des Bösewichts identifizieren? Man muss einen persönlichen Zugang zu der Person haben, ein Gefühl für die Situation. Wenn man eine Piratin spiele, müsse man nicht unbedingt auch privat gerne trinken und stehlen. In der Rolle müsse man aber daran denken, dass man Störtebeker retten muss, der einem ein Zuhause gegeben hat. Die Schurkigkeit kommt dann mit der Not ins Spiel.


Gruseln auf eigene Gefahr oder Haftung für entgeisterte Gäste?

An besonders guten Tagen läuft alles von selbst: Wenn die Gäste super gut mitmachen, Spaß haben, lachen, sich gruseln, schreien. Wenn man merkt, es funktioniert einfach supertoll. und wenn dann noch die Sonne untergeht in der Speicherstadt, wenn man nach Hause läuft, das ist das Schönste. Aber wie in jedem Job muss man natürlich manchmal improvisieren: Im Sommer haben wir das auch schon, dass Leute umgekippt sind oder sich übergeben mussten, einfach weil das Wetter zu warm war. Sie vergessen dann zu trinken oder zu atmen oder beides, weil sie so fasziniert sind. Das sind so Sachen, die sind schwierig zu behandeln, an einem Tag, wo es dann wirklich voll ist.

Um solchen Vorkommnissen vorzubeugen, betont das Dungeon, dass die Shows für bestimmte Personengruppen ungeeignet sind: Menschen mit gesundheitlichen Problemen sollten auf den schaurigen Spaß verzichten. Im Gruselkabinett achte das Personal auf das Wohlergehen der Gäste, erklärt Marketing-Koordinatorin Linda Best: Schwangere dürfen beispielsweise nicht denken, jemand spielt nur seine Rolle und sie können trotzdem in den Freifallturm. Angestellte mit minimaler Kostümierung geben deshalb bei den Fahrattraktionen noch mal entsprechende Hinweise.

Trotzdem – haftet man als Erschrecker für entgeisterte Gäste? Brauchen Nadine und ihre Kollegen bestimmte Versicherungen? Hier zum Glück nicht, weil das Dungeon uns im Angestelltenverhältnis beschäftigt, erklärt die Schauspielerin, das heißt, wir haben alle diese existenziellen Risikoversicherungen mit drin. Als freischaffender Schauspieler müsste man sich dann selbst versichern.

Nadine König mit und ohne Maske© Tarifcheck.de -Kristina Vogt
Schauspielerin Nadine König: mit Maske und vor der Show in der Hamburger Speicherstadt.

Das dürfte bei vielen von ihren Kollegen der Fall sein: Viele der vermeintlichen Schurken haben parallel noch weitere Engagements. Nadine steht mit 23 Jahren am Anfang ihrer Karriere und besucht derzeit viele Castings. Sie beendete erst vor eineinhalb Jahren ihre Ausbildung an der Hamburger Stage School und der University of South Florida. Aufgrund der anderweitigen Verpflichtungen können die Erschrecker sich ihre Schichten in Absprache mit Kollegen und Vorgesetzten selber einteilen. Und falls wirklich mal jemand ausfällt, springt zur Not der Schauspiel- und Performance-Supervisor selbst ein. Schließlich will das Publikum an 364 Tagen im Jahr zum semi-hysterisches Quietschen und erleichterten Kichern gebracht werden.

Die Arbeit im Dungeon würde Nadine gerne längerfristig machen: Es sei großartig, 60 mal am Tag in ihrer Rolle eine Entwicklung durchzumachen: Am Anfang müssen die Piraten sehr rabiat und mutig sein, den Gästen sagen: 'Wir hauen den Hanseaten so richtig auf den Kopf.' Später stelle sich heraus, dass auch Schurken nicht immer wissen, was sie tun und vielleicht sogar Angst haben. Das ist mit die schönste Arbeit, wenn man mit ganz vielen Brüchen arbeiten kann und mit ganz vielen Farben.


Dungeon-Allianz: Zusammenarbeit mit Polizei und Zoll

Schließlich werden auch im Dungeon die Shows öfters durch neue Gruselgeschichten ersetzt, so dass keine Langeweile aufkommt – weder bei Gästen noch bei den Schauspielern. Einige Stories werden lokal recherchiert, wie die Schurkengeschichten im Polizeimuseum, sagt Marketing-Koordinatorin Linda Best. 2014 sei die Show um die Wildwasserbahn erneuert worden, dafür waren wir im Zollmuseum und haben nachgefragt, wie es mit der Schmuggelei damals so war. Insgesamt arbeiten wir gut mit den lokalen Einrichtungen zusammen.

Gibt das in London ansässige, globale Dungeons Brand-Team das OK, arbeitet ein britisch-deutsches Team an Plot und Show – in Hamburg gibt es je eine englische und eine deutsche Variante der düsteren Geschichten. Wichtig sind dabei nicht nur Regisseure, Schauspieler und Techniker, sondern auch die Kulissenbauer. Denn eine neue Show integriert die neusten technischen Effekte des Marktes, so Best.

Das Hamburger Verlies gehört übrigens mit zu den ältesten Dungeons weltweit – seit 2000 gruselten sich dort hunderttausende Gäste. Passend zu Halloween treibt dort ab heute der Geist einer vermeintlichen Axtmörderin sein Unwesen: Maria Katharina Wächtler wurde 1788 in Hamburg nach langer Folter hingerichtet, da man sie beschuldigte, ihren Gatten den Garaus gemacht zu haben. Klar, dass der Geist der Witwe auf Rache sinnt ...