Stefan Eiben - Gründer der Alibi-Agentur© Alibiagentur.de
Interview

Stefan Eiben (Bild) ist Gründer der Alibi-Agentur.

Besondere Berufe: Was macht ein Alibi-Profi?

von Kristina Vogt 25.10.2016

Wie arbeitet eine Alibi-Agentur? Aus welchen Gründen führt man ein Doppelleben? Und welche Versicherungen benötigt man, wenn man Fremden wasserdichte Alibis für alle Lebenslagen verschafft? Tarifcheck.de sprach mit Stefan Eiben, Begründer der Branche.

Sie betreiben seit 1999 die Alibi Agentur, bieten Scheinidentitäten und einen Schlussmacher-Service an. Welcher Ihrer Dienste wird am Häufigsten genutzt?

Stefan Eiben: Der Alibi-Service – damit verschafft man sich Freiräume, ohne jemand vor den Kopf zu stoßen. Auch der Postkarten-Service ist beliebt. Wir verschicken aus aller Welt Karten mit der Handschrift unserer Kunden, ohne dass sie selber dort sind. Das ist mehr ein Geck, um der Freundin Post aus der Stadt der Liebe zu schicken zum Beispiel.

Aus welchen Gründen brauchen Ihre Kundinnen und Kunden Alibis?

Stefan Eiben: Da gibt es viele. Jemand arbeitet als Domina und davon soll das Umfeld nichts wissen oder man möchte die Arbeitslosigkeit verheimlichen. Beides haben wir sehr oft. Die Kunden brauchen dann Visitenkarten, die Nennung auf einer Firmenwebseite und so weiter. Manche haben ein uneheliches Kind und möchten das hin und wieder besuchen, ohne dass die Ehefrau das mitkriegt. Andere haben HIV oder Krebs und möchte das erst mal verheimlichen. Für all diese Zwecke schaffen wir permanente Alibis über einen langen Zeitraum.

Lügen ist ja generell nicht verboten.

Sie arbeiten mit echten Unternehmen zusammen, die getürkte Firmenadressen und Firmentelefone anbieten; mit Reiseanbietern und Agenturen, die gefälschte Belege, Quittungen und sogar Doktortitel ausstellen. Wie ist das rechtlich möglich?

Stefan Eiben: Wir machen das seit über 16 Jahren und haben uns natürlich schlau gemacht. Wir bieten den Service nur für private und legale Zwecke an. Da kann jeder behaupten, was er will. Lügen ist ja generell nicht verboten.

Auch für teilnehmende Unternehmen gibt es keine rechtlichen Schwierigkeiten?

Stefan Eiben: Nein. Das Entscheidende ist, was der Kunde damit macht. Er übernimmt die Verantwortung. Ganz, ganz selten sagt mal einer: "Ich bin geblitzt worden und brauche jemanden, der sagt, dass er gefahren ist." Sowas lehnen wir dann ab.

Sie sagten, einige möchten die Arbeitslosigkeit verheimlichen. Könnte sich ein arbeitsloser Mensch Ihre Dienste langfristig leisten?

Stefan Eiben: Definitiv. Sich Freiräume zu leisten, soll keine Frage des Geldes sein. Unsere Preise sind seit 16 Jahren stabil und richten sich nach dem Aufwand. Das können anfangs schon bis 300 Euro monatlich sein, falls man Visitenkarten braucht, Aufkleber fürs Auto, Arbeitsverträge, die Nennung auf einer Webseite und so weiter. Hat es sich eingependelt, kostet es unter 100 Euro. Es sei denn, man braucht dauernd Schauspieler, beispielsweise eine Alibi-Freundin für Geschäftstreffen, weil Schwulsein der Karriere schadet – einige Branchen denken leider immer noch sehr antiquiert.

Frauen kommen mit einem Plan, Männer in Panik

Laut Ihrer Webseite haben Sie fast gleichviele weibliche und männliche Kunden. Nur bei 18 % ist der Grund eine Affäre. Kommen Frauen und Männer mit unterschiedlichen Anliegen?

Stefan Eiben: Eigentlich ist auch das sehr gleich. Der einzige Unterschied ist, dass Frauen sich vorher mehr Gedanken machen: "Ich möchte das und das, vielleicht von der und der Firma oder eine Einladung zum Jahrgangstreffen." Männer rufen an und sagen: "Hilfe." Meist wollen Männer einfach keinen Zoff, sich nicht groß erklären oder rechtfertigen.

Und wie sieht es mit verschiedenen Altersgruppen aus?

Stefan Eiben: Die Hauptaltersgruppe ist zwischen Ende Zwanzig und Fünfzig. Aber wir haben auch den Achtzigjährigen, der sagt: "Ich habe mich neu verliebt. Vielleicht lass ich mich scheiden."

Doppelleben auf Bestellung: Polizisten und Anwälte, VIP-Kunden und Senioren

Bei Jüngeren läuft viel über Facebook. Sie brauchen zum Beispiel eine Facebook-Freundin, möchten Kommentare unter ihren Posts, die Ex eifersüchtig machen oder beliebt wirken. Das ist bei Älteren selten. Zu uns kommen Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft. E-Mails von Anwälten oder Polizisten beginnen meistens so: "Ich bin Polizist und finde es suspekt, mich bei Ihnen zu melden, aber brauche Ihre Hilfe." Wir haben auch VIP-Kunden, die man im Fernsehen sieht, und das gar nicht so wenig.

Wie viel Kunden haben Sie pro Jahr? Haben sich die Zahlen seit der Firmengründung geändert?

Stefan Eiben: Es sind über 1.400 Kunden pro Jahr. Zur Urlaubszeit haben wir immer viel zu tun, weil zum Beispiel jemand nach Mallorca möchte und das daheim als Dienstreise tarnen will. Dadurch, dass wir 1999 schlagartig in allen Medien waren, hatten wir sofort guten Zulauf.

Jedes Jahr wird es etwas mehr. Wir haben mit der Idee in ein Wespennest gestoßen.

Sind Sie dann wirklich der Erfinder dieses Geschäftsmodells?

Stefan Eiben: Naja, Alibis gibt ja jeder von uns. Schon als Jugendlicher deckt man Freunde und umgekehrt. Ich mache das halt für Fremde und nehme dafür einen gewissen Preis. Da war ich tatsächlich weltweit der Erste, der die Idee online gestellt hat. Nach ein paar Jahren hat eine Firma in den USA unsere Webseite übersetzt und darauf aufgebaut. Manchmal arbeiten wir zusammen.

Sie sind die einzige Firma, die sich in Deutschland langfristig durchgesetzt hat...

Stefan Eiben: Genau. Laut Recherchen von Redakteuren sind wir die Einzigen, die professionell über einen langen Zeitraum bestehen. Wir sind mittlerweile in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien ansässig, haben einen guten Ruf und ein großes Netzwerk aufgebaut.

Hat sich Ihr Blick auf Alibis in dieser Zeit gewandelt?

Stefan Eiben: Kunden suchen mich zum Teil persönlich auf, zeigen mir Tagebücher, Fotoalben und berichten über ihr Leben. Inwiefern mich das beeinflusst hat: Ich sage viel offener, wenn mir etwas nicht passt und nehme es nicht mehr persönlich, wenn Freunde mir absagen. Es liegt ja meist nicht an den Kunden, dass sie uns brauchen, sondern an Dritten, die die Wahrheit nicht vertragen oder Druck ausüben. Wenn ein Student vor dem Coming-Out zuhause ausziehen will, weil er die Reaktion des Vaters fürchtet, dann liegt das wohl mehr am Vater. Oder wenn Angehörige nicht damit umgehen können, dass man Sylvester andere Pläne hat.

'Ich dachte anfangs, dass bestimmt nur untreue Männer anrufen, aber es ging um ganz andere Geschichten.'

Welche Fälle haben Sie anfangs besonders überrascht?

Stefan Eiben: Ich dachte, wenn jemand anruft – und wahrscheinlich ruft gar keiner an – dann bestimmt nur untreue Männer. Aber es ging um ganz andere Geschichten. Einer der ersten Kunden brauchte zwei freie Abende, um einen Heiratsantrag vorzubereiten, er sagte: "Ich komme nie spät von der Arbeit und will nicht selber lügen." Und das machen wir dann, das Lügen abnehmen. So glaubhaft, dass keine Zweifel aufkommen.

Unter den ersten Fällen war auch ein Krebskranker, der meinte: "Vertraute einzuweihen, war ein großer Fehler. Geschäftspartner nehmen mich nicht mehr ernst, weil sie denken: 'Der ist sowieso in einem halben Jahr weg'." Solche Sachen hätte ich nie erwartet. Ich war ja damals auch noch recht jung, knapp über 20.

Gibt es heute noch Überraschungen?

Stefan Eiben: Nein. Es kommen manchmal lustige Sachen und manchmal auch recht traurige. Aber etwas ganz Neues eigentlich nicht mehr.

Gibt es psychologisches Training für Ihr Team, damit es mit heiklen oder belastenden Situationen umgehen kann?

Stefan Eiben: Nein, aber einige haben etwas in der Richtung gelernt. Unsere Mitarbeiter sind lange dabei, sehr geschickt und wissen genau, was zu tun ist. In den ersten Jahren war das anders, die waren schon sehr kompliziert.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand zu Ihnen kommt?

Stefan Eiben: Wir haben eine Handvoll langjährige Mitarbeiter, die die Kundenberatung übernimmt. Sie wissen meist schon nach wenigen Sätzen, um was es geht. Wir müssen uns nur noch selten im Team zusammensetzen. Insgesamt haben wir über 1.000 registrierte Schauspieler. Sie treten überzeugend als Bruder, Schwester, Freund auf. Kürzlich brachte Stern TV etwas über uns, anschließend erhielten wir in zwei Tagen über hundert Bewerbungen. Oft sind Schauspielschüler dabei, die sagen: "Das ist für mich eine Riesenpraxis."

Laut Ihrer Webseite ist noch nie ein Alibi aufgeflogen. Gilt das immer noch?

Stefan Eiben: Genau, wir hatten noch keine Beschwerden von Kunden. Ich wüsste auch nicht wie. Wir arbeiten ja mit echten Firmen zusammen. Wenn Sie zuhause einen Interviewtermin vorschieben wollen, dann erhalten Sie ein Schreiben mit einer Telefonnummer. Da kann Ihr Partner anrufen. Der kann da sogar hinfahren. Und wir informieren Sie dann.

Muss man sich als Alibi-Profi speziell absichern, falls doch mal was in die Hose geht?

Stefan Eiben: Also speziell aufgrund des Jobs etwas was abschließen muss man nicht. Es ist eigentlich ein ganz harmloser Job. Die Standard-Versicherungen, die man eh schon hat, sind absolut ausreichend. Unsere Mitarbeiter haben uns als professionelle Agentur in der Hinterhand.

Sie arbeiten international – verkompliziert das Firmenversicherungen & Co.?

Stefan Eiben: Der Hauptsitz ist in Deutschland. Die EU macht es unheimlich einfach. In einem anderen Land ein Unternehmen zu eröffnen ist so, als ob man innerhalb von Deutschland umzieht.

Zeitalter der Überwachung schafft Wunsch nach Freiräumen

Haben Sie weitere Expansionspläne?

Stefan Eiben: Wir werden noch viele Jahre weitermachen. Der Markt ist groß. Wir werden so kontrolliert – über WhatsApp, Facebook. Man weiß immer, wann jemand wo ist und was er gemacht hat. Man muss sich rechtfertigen, wenn man nicht ans Handy geht. Der Bedarf nach Ruhe wird immer größer.

Die letzte Frage: Haben Sie selber Ihren Service schon mal in Anspruch genommen?

Stefan Eiben: Ich bin der einzige, der ihn nicht nutzen kann. Ich müsste ja Leute einweihen, die ich kenne. Und die oberste Regel lautet: Niemanden einweihen, auch nicht den besten Freund.

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