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Lebensart

Besondere Berufe: Versicherungen für Schausteller bis Schlussmacher


Besondere Berufe: Schausteller und Karussellbesitzer

Fast jeder genießt im Advent den Spaziergang über die Märkte. Manchmal stößt man dabei auf solch Schätze wie ein historisches Kinderkarussell. Aber wer sind eigentlich die Menschen, die den Weihnachtszauber ermöglichen? Wie ist das Schaustellerleben? Und woher bekommt man ein handgefertigtes Karussell? Wir sprachen mit Wilfried Voß junior. Er gastiert momentan auf dem Bergedorfer Schlossplatz in Hamburg und tourt mit seinem Unternehmen fast das ganze Jahr über die Märkte (Stand: 12/2016).

Das Karussell wurde 1951 in der DDR gebaut. Es ist alles noch handgearbeitet, handgemalt und besteht vollständig aus Holz – bis auf den Antrieb, der ist aus Metall, kommentiert Voß jr. das historische Schmuckstück, das er 2015 in Kaiserslautern erwarb und liebevoll restaurierte.

Es ist mittags, der Weihnachtsmarkt noch relativ leer, nur auf dem Karussell quietschen schon fröhliche Kinder. Mit sechs Stundenkilometern ziehen die handgeschnitzten Pferde, Hühner, Ziegen und Kutschen zuverlässig ihre Runden. Während der letzten 65 Jahre haben sie so wahrscheinlich hunderttausende Kinderaugen zum Leuchten gebracht. Auch Schausteller Wilfried Voß jr. ist gut gelaunt, dabei war es für ihn bereits ein langer Arbeitstag. Feierabend ist erst lange nach Einbruch der Dunkelheit in Sicht. Trotzdem nimmt er sich Zeit, beantwortet geduldig alle Fragen und fragt, ob man was zu Essen oder Trinken braucht.

Das Karussell war lange eingelagert, erklärt der Schausteller, der Zustand nicht mehr so gut. Wir haben dann alles optisch schick gemacht. Ein bisschen nachgemalt, alles neu verkabelt und neue Schleifringe für die Stromzulieferung installiert. Ursprünglich hatte das Karussell einen Salzwasseranlasser, der wurde damals in einen Eimer getaucht und so die Geschwindigkeit eingestellt. Heute läuft der Antrieb über einen kleinen Kraftstromanschluss.

Schmalzkuchen, Crêpes, Glühwein und zwei Karussells

So etwas findet man heute nicht mehr, sagt der Unternehmer. Auf den zahlreichen Hamburger Weihnachtsmärkten gebe es nur ein weiteres historisches Karussell dieses Kalibers. Und Voß jr. kennt sich in der Branche aus: Der Inhaber des 'Schaustellerbetriebs Wilfried Voß Junior' hat auch auf anderen Adventsmärkten Crêpe-Stände, Schmalzkuchen- und Glühweinbuden – in Schenefeld, Blankenese, Niendorf und Lüneburg zum Beispiel.

Neben dem historischen Wichtelkarussell besitzt Voß jr. mit der sogenannten Kinderschleife noch ein modernes Karussell, mit dem er jedes Jahr etwa fünf Veranstaltungen besucht: Die beiden Karussells kann man nicht miteinander vergleichen, betont er. Außerhalb der Weihnachtszeit würden Kinder die neuere Variante bevorzugen: Das hat Trucks, die über eine Fahrbahn und einen Puckel fahren. Die Kinder wollen die Autos mitlenken und über den Berg rüber. Aber zur Weihnachtszeit ist das historische Karussell ideal, keine Frage.

Ganz oft sitzen die Kinder im Wichtelkarussell und wollen nicht runter, lacht Voß junior. Die Eltern ließen sich vom Nachwuchs meist zu einer letzten Runde breitschlagen, und dann geht das gleiche Spiel von vorne los. Aber das kann man den Kindern ja nicht übelnehmen.

Sogar Teenager sind vom Wichtelkarussell fasziniert

Dreijährige Kinder können in den vier Kutschen des Karussells zusammen mit ihren Eltern fahren, sogar einige Vierzehnjährige sind begeistert, kommentiert der Jungunternehmer. Einen Favoriten haben die Kinder übrigens nicht: Die Kutschen, zwei Ziegen, zwei Hähne und acht Pferde sind gleichermaßen beliebt.

Bis zum 30. Dezember 2016 steht die historische Attraktion im idyllisch gelegenen Schlosspark. Danach wird es auseinandergebaut, vorsichtig in Decken eingepackt und mit dem Lkw zur trockenen Lagerhalle gebracht. Den nächsten Auftritt hat das Wichtelkarussell erst im Winter 2017, denn Voß jr. erwarb das Gefährt extra für den Bergedorfer Wichtelweihnachtsmarkt: Der ist in dieser Form erst letztes Jahr neu entstanden. Ich hatte mich beworben und die Veranstalter suchten ein historisches Kinderkarussell. Für die Suche hatte ich eine Woche Zeit.

Das Wichtelkarussell auf Station in Hamburg© Tarifcheck.de
Das Wichtelkarussell ist über eine Karussellhaftpflicht- beziehungsweise Betriebshaftpflichtversicherung abgesichert.

Die Welt der Schausteller: viel Arbeit und immer Action

Über die Geschichte des Karussells ist wenig bekannt, man weiß nicht, wo es Station gemacht hat und wie es von der ehemaligen DDR nach Rheinland-Pfalz gekommen ist. Auf jeden Fall erhält es zum Jahresende eine wohlverdiente Pause. Schausteller Wilfried Voß jr. hingegen hat noch viel zu tun, bevor er Urlaub machen kann: Der Markt in Blankenese hat noch bis zum 6. Januar geöffnet. Bis alles abgebaut und verstaut ist, ist es der 15. Januar. Dann habe ich erst mal zwei Monate Urlaub. Klar habe da auch was zu tun, muss mich um Bürokram kümmern, aber ich habe Urlaub. Für Schausteller wie Voß jr. ist es die einzige freie Zeit des Jahres, ehe er im Frühling erneut auf Marktständen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu finden ist.

Die Tage als Schausteller sind lang und spielen sich meist draußen ab, sieben Tage in der Woche, egal ob bei Sonnenschein oder Frost. Zu den Anforderungen an den Beruf gehören technisches Know-how und physische Kraft für den Auf- und Abbau der Stände. Organisationstalent ist obligatorisch, etwa für Materialbeschaffung, Transport, Anmietung von Standplätzen oder die Zuteilung der Schichten. Auch mit Buchhaltung muss man sich auskennen und natürlich trotz all der Aufgaben stets ein freundliches Wort für die Standbesucher haben.

Zur Weihnachtszeit stehe ich gehen 7 Uhr auf, mache mir einen Kaffee, setze mich kurz ins Büro und mache meinen Papierkram fertig. Ja, und dann fahr ich los und klappere meine Weihnachtsmärkte ab. Der Schausteller hat eine Wohnung in Winsen. Sie ist aufgrund der zentralen Lage geeignet, denn die Fahrtwege zu verschiedensten norddeutschen Veranstaltungsorten sind überschaubar. Jeden Tag besucht Voß jr. seine Angestellten bei verschiedenen Glühwein-, Zuckerbäckerei- und Karussellständen: Wir machen eigentlich alles, was es so gibt. Einen Bratwurststand haben wir dieses Jahr nicht, aber auch schon gemacht. Meine zukünftige Frau macht zum Beispiel gerade in Lüneburg den Schmalzkuchenstand.

Viele Weihnachtsmärkte sind bis zum späten Abend geöffnet, der Arbeitstag von Voß jr. endet dementsprechend spät, aber auf die Arbeitszeiten achte ich gar nicht mehr, sagt er entspannt.

Von Kindesbeinen an auf Reisen

Ich bin damit von Geburt an groß geworden, habe als kleiner Junge bei meinen Eltern angefangen zu arbeiten und mit 16 Jahren dann richtig. Seit fünf Jahren bin ich selbstständig, länger noch nicht, sagt der heute Dreißigjährige.

Die Schaustellerwelt ist klein, man kennt sich untereinander. Auch während des Interviews wird Voß jr. von einigen Schaustellerkollegen begrüßt, schüttelt Hände, klopft Schultern: Ich kenne alle, ja. In Norddeutschland glaube ich jeden. Bis hin nach München, Österreich kenne ich viele.

Für nächstes Jahr stehen schon zahlreiche Events an. Die meisten sind in Norddeutschland, aber ich bin auch viel in Berlin, am Potsdamer Platz oder der Hasenheide. Viele der Veranstaltungen werden von Thilo-Harry Wollenschlaeger organisiert. Auch eine zehntägiges Event in Bregenz am Bodensee ist geplant, direkt dort, wo der James Bond-Film 'Casino Royale' gedreht wurde.

Schaustellerberuf: Die Zeit hat sich halt gedreht

Gerade in den letzten Jahren ist die Schaustellerei schwer geworden, kommentiert Voß jr., früher hatten die Schausteller eine Saison, die war gut. Und zum Abschluss gab es einen kleinen Weihnachtsmarkt. Heute sind wir sehr weihnachtsmarktabhängig. Wenn alles funktioniert wie dieses Jahr, dann ist alles schön. Wenn das nicht hinhaut, ist es nicht einfach.

Um Engagements muss man sich jedes Jahr aufs Neue kümmern und auch das Wetter ist relevant: Wenn jetzt jemand zum Beispiel einen Pachtvertrag mit einem Restaurant hat, dann hat er seine Fläche im Trockenen und im Schnitt gute Einnahmen, wenn er das gut macht. Wir sind sehr wetterabhängig und von Veranstaltungen abhängig. Heute hast Du eine Veranstaltung, morgen hast Du sie eventuell nicht mehr, erklärt Voß junior.

Die Zeit hat sich halt gedreht. Und wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit, sagt Voß junior. Dass er selbst zukunftsorientiert arbeitet, belegt der spontane Kauf eines antiken Karussells für eine einzige Veranstaltung. Seine Buden und Fahrgeschäfte sind auf dem neusten Stand. Die Karussells hat er komplett auf besonders stromsparende und umweltfreundliche LED der höchsten Energieeffizienzklasse umgestellt. Im Lüneburger Lager seiner Eltern werden die Buden und das jeweilige technische Zubehör regelmäßig gewartet.

Manchmal hat man natürlich keinen Bock, das sage ich auch ganz ehrlich. Dann würde man gerne irgendwo was Festes machen und dazu nur noch einmal im Jahr die Weihnachtsmärkte, sagt der Unternehmer. Unterm Strich könne er es sich aber nicht vorstellen, ganz auf die Schaustellerei zu verzichten, auch wenn der Beruf manchmal anstrengend und schwierig sei: Ich will das mein Leben lang weitermachen, bekräftigt Voß jr. und man glaubt es ihm sofort.


Besondere Berufe: Schlussmacher auf Bestellung

Man will die Beziehung beenden, aber weiß nicht genau wie? Eine exotische Variante ist der Schlussmacher. Ja, den gibt es wirklich! Wann der einspringt und wie er Berufsrisiken absichert, erklärt der professionelle Schlussmacher und Alibi-Agenturgründer Stefan Eiben (Stand 10/2016).

Das Beenden einer Liebesbeziehung ist etwas sehr Persönliches. Einen Fremden zu bezahlen, um zukünftigen Verflossenen Adieu zu sagen, scheint auf den ersten Blick absurd. Es hat sich aus unserem Alibi-Service heraus ergeben, erklärt Eiben, unsere Agentur verschafft Leuten ja professionelle Alibis. Es gab Kunden, die gesagt haben: 'Ich brauche jemand, der meiner Ex begreiflich macht, dass da wirklich nichts mehr ist.'

Schlussmachen per Bestellung: barsch, schroff oder verständnisvoll

Solche schwierigen Telefonate würden dann eben die Profis übernehmen, entweder ganz schroff und barsch oder superverständnisvoll mit Nennung der Gründe.

Das Telefon ist also das Medium Nummer 1, um eine Beziehung zu beenden. Manchmal klingelt der Schlussmacher aber auch an der Haustür wie im gleichnamigen Film: Das wird seltener gebucht, geht aber auch, sagt Alibi-Profi Eiben. Es werde insbesondere dann genutzt, wenn sich noch persönliche Dinge beim baldigen Ex-Partner befänden – ein Laptop oder Klamotten zum Beispiel, die holen wir dann auf Wunsch der Kunden ab.

Erste Reaktion: Ungläubigkeit

Die Auftraggeber entscheiden, ob enthüllt wird, dass man ein professioneller Schlussmacher ist oder ob Bezugspersonen des eigenen Umfelds gemimt werden: Wenn wir sagen sollen, wir sind von der Schlussmacher-Agentur, werden wir zuerst oft nicht ernstgenommen. Aber da wir ja ein paar Details der Beziehung kennen, wird schnell klar, dass die Sache Hand und Fuß hat.

Stefan Eiben - Gründer der Alibi Agentur© Alibiagentur.de
Stefan Eiben, Gründer der Alibi Agentur.

Manchmal geht es in den Bereich von Stalking

Nicht immer sei der Trennungsgrund harmlos, so Eiben. Die Alibi-Profis würden zuweilen von Menschen kontaktiert, die von ihren baldigen Exfreunden gestalkt würden. Dann müsse man sehr energisch sagen: Bitte nicht mehr melden, nicht mehr anrufen! In diesen Fällen würde man oft den Vater spielen oder andere Angehörige, um die Sache noch deutlicher rüberzubringen.

Einige Kundinnen könnten die Beziehung auch aufgrund ihrer Religion nicht beenden. Es gibt Fälle, bei denen die Kundin erklärt: 'Das gibt es bei uns nicht, dass die Frau Schluss macht.' Da muss einer anrufen, der die gleiche Religion hat und sagen: 'Ich bin jetzt mit ihr zusammen, und Du meldest Dich nicht mehr.' Dann klappt das. Das ist ganz, ganz anders, als wenn die Frau das selber versucht, kommentiert Eiben.

Auf Wunsch treten die Schlussmacher also inkognito auf – als Freunde und Angehörige, die Tacheles reden und persönliche Sachen abholen. Wie das geht? Mit Schauspielern: Dadurch, dass wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Netzwerk von über 1.000 Schauspielern haben, können wir das absolut abdecken.

Stefan Eiben - Gründer der Alibi Agentur© Alibiagentur.de - Stefan Eiben

Besondere Berufe: Was macht ein Alibi-Profi?

Aus welchen Gründen kontaktiert man eine Alibi-Agentur? Was erlebt man als Alibi-Profi? Und gibt es viele Menschen, die ein Doppelleben führen? Mehr lesen

Das Motto: Aus einer unglücklichen Beziehung zwei glückliche Singles machen

Mit einer derartigen Hiobs-Botschaft auf den Lippen erhalten die Schlussmacher wohl nur selten ein Trinkgeld. Benötigt das Personal angesichts des Konfliktpotentials nicht auch psychologische Schulungen? Sie müssen sehr feinfühlig sein am Telefon, bestätigt Eiben. Psychologisches Training gäbe es nicht, einige hätten allerdings entsprechende berufliche Qualifikationen und würden den Job zudem seit Jahren ausüben. Wir haben Telefonprofis, die sich sehr gut ausdrücken können und individuell improvisieren.

Die Profis würden die Stimmung schnell ausloten können: Ist das eine Person, die aggressiv und wütend reagiert oder jemand, der vielleicht sogar traurig wird? Und da können die gut mit umgehen. Manchmal käme nach der ersten aggressiven Reaktion auch die Erkenntnis, dass die Beziehung keinen Sinn mehr habe. Wir machen deutlich, dass man aus einer unglücklichen Beziehung lieber zwei glückliche Singles macht.

Wie hoch ist das Risikopotenzial? Es ist eigentlich ein ganz harmloser Job.

Benötigt man als Schlussmacher besondere Versicherungen, falls doch mal was schiefläuft? Eiben muss lachen: Nein, es ist eigentlich ein ganz harmloser Job, wehrt er ab, man müsse nur gut improvisieren können. Die Standard-Versicherungen seien absolut ausreichend: Die Versicherung, uns als professionelle Agentur in der Hinterhand zu haben, ist vielleicht das Einzige, was wir da raten können.

Wir retten unsere Kunden aus jeder Situation, aber wir würden nie … jemanden etwas Böses tun.

Die Dienste von Alibi-Agentur und der Schlussmacher-Service seien nur für den privaten und legalen Bereich buchbar, erklärt Eiben. Darüber hinaus gibt es eine moralische Komponente: Einige Anliegen lehnt die Agentur ab – selbst wenn sie vielleicht legal sind: Wenn unser Kunde möchte, dass wir mit seiner Freundin schlussmachen, weil sie schwanger geworden ist – so etwas machen wir natürlich überhaupt nicht. Das ist unvorstellbar.

Es gibt weitere Tabus: Wir retten unsere Kunden aus jeder Situation, aber wir würden nie jemanden am Telefon beschimpfen oder irgendjemanden etwas Böses tun. Solche Anfragen kommen aber auch gar nicht. Ich glaube, unsere Webseite wirkt so seriös, dass wir dieses Kundenklientel ausgrenzen.


Besondere Berufe: Als Künstler die Welt bereisen

Das Wichtelkarussell auf Station in Hamburg© Kristina Vogt - Tarifcheck.de
Professor Agustín Incicco vor seinen Werken in der Face Frames Gallery auf Gibraltar.

Wie sieht man die Welt, nachdem man das meiste davon bereist hat? Wir fragten den argentinischen Künstler Agustín Incicco. Seit seinem Studienabschluss vor 16 Jahren hat der Perfektionist auf vier Kontinenten gelebt und gearbeitet. Seit 2016 unterrichtet er als einer der jüngsten Kunstprofessoren Europas an der Kunstakademie Barcelona (Stand 1/2017).

Was hat Sie dazu motiviert, Künstler zu werden und ferne Orte zu erkunden?

Professor Agustín Incicco: Als ich drei oder vier Jahre alt war, habe ich die Ausstellungskataloge meiner Großeltern entdeckt. Seitdem wusste ich, dass ich Künstler werden will. Es waren große Bücher aus den 1950er Jahren, vom Louvre in Paris, dem Prado in Madrid, der Londoner Nationalgalerie und von zwei deutschen Museen: der Pinakothek in München und der Gemäldegalerie in Berlin. Die Bilder haben sich schon damals in meinem Kopf eingebrannt.

Und dann war da der italienische Künstler Adriano Barbarossa, der angeheiratete Onkel meines Großvaters: Im Haus meines Großvaters hingen ein paar seiner Landschaftsbilder, echte Gemälde, die ich aus der Nähe ansehen konnte. Für mich war es so, als ob ich in die Landschaften eintauchen und verschwinden könnte. Ich habe immer noch einen Brief, den ich an Adriano Barbarossa nach Italien geschickt habe, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe ihm geschrieben, dass ich ein Künstler wie er werden will, wenn ich groß bin. Er ist in den 1980ern gestorben, aber immer, wenn ich meine Großeltern in Argentinien besuche, sehe ich seine Bilder.

Haben Sie sich die Gemälde aus den Büchern Ihrer Großeltern inzwischen auch im Original angesehen?

Professor Agustín Incicco: Ja, einige davon habe ich 2001 während einer großen Interrail-Tour durch Europa gesehen. Damals war ich auch zwei Wochen in Deutschland. Es war großartig. Die Leute waren ehrlich, warmherzig und hilfsbereit. In Straßburg bin ich über die Grenze nach Freiburg gekommen, habe den Schwarzwald und München besucht und bin dann weiter nach Berlin gefahren. Die Gemäldegalerie habe ich allerdings erst bei meinem vierten Deutschlandaufenthalt gesehen. Damals habe ich drei Wochen bei einer Freundin im Prenzlauer Berg verbracht, war viel mit dem Fahrrad unterwegs und habe dadurch die Stadt aus einer anderen Perspektive kennengelernt. Die Male davor hatte ich ein sehr begrenztes Budget und wollte lieber Land und Leute kennenlernen, als Zeit in Museen zu verbringen.

Ein Segeltörn inspirierte Sie dazu, Kunst zu studieren. Sie überquerten damals mit Ihrem Cousin in einem kleinen den Boot den Atlantik und reisten so von Spanien nach Brasilien. Nach Ihrem Studium der feinen Künste im argentinischen Rosario haben Sie in Indonesien, den USA, sowie verschiedenen europäischen Ländern gelebt. Zwischendurch umsegelten Sie die Küsten von Mexiko und Zentralamerika – entlang des Pazifiks, durch den Panamakanal und die Karibik. Woher kommt dieser Hunger nach Neuem?

Professor Agustín Incicco: Ich bin immer auf der Suche, ich brauche Herausforderungen und die Arbeit mit meinen Händen. Als ich 2001 mein Studium beendet habe, habe ich mich nicht vollständig gefühlt. Vielleicht wusste ich damals einfach nicht genau, wonach ich suche. Ich hatte damals, glaube ich, einfach nicht die nicht die Fähigkeit, mich so zu geben, dass ich mich wohl fühle – als Mensch und als Künstler. Durch verschiedenste Jobs und Reiseerfahrungen bin ich jetzt mehr im Reinen mit mir selbst.

Wie sehen Sie die Welt, nachdem Sie soviel davon bereist haben?

Professor Agustín Incicco: Menschen und Gesellschaften ändern sich heutzutage so unglaublich schnell. Aber wir alle haben die gleichen Bedürfnisse. Zu versuchen, für mich selbst diesen gemeinsamen Nenner zu finden, gibt mir innere Ruhe.

Mit neuen Technologien komme ich nicht so gut klar. Ich sitze vor dem Computer und habe das Gefühl, dass ich den PC nicht verstehe und der PC mich auch nicht. Ich fühle mich wohler, wenn ich mit Kreide arbeite. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir diesen Kontakt zu echter Materie und manueller Arbeit nicht verlieren. Wir sollten nie vergessen, dass wir Menschen sind – auch wenn wir vielleicht Computer und Raumschiffe benutzen.

Professor Agustín Incicco in Gibraltar.© Tarifcheck.de
Auf Reisen trägt Professor Agustín Incicco stets ein Skizzenbuch mit sich – wie hier im Hof der "Garrison Library" im britischen Überseeterritorium Gibraltar.

Sie versuchen, verschiedenste Techniken bis zur Perfektion zu meistern – egal ob Sie Freskomalerei direkt in Florenz studieren, sich an abstrakter Kunst, Landschaftsmalerei oder europäischem (Post-)Impressionismus versuchen; unabhängig davon, ob Sie mit Kreide, Öl oder Wasserfarben arbeiten. Mittlerweile sind Sie einer der jüngsten Kunstprofessoren Europas. Was erzählen Sie Ihren Studenten in Barcelona?

Professor Agustín Incicco: Während des Studiums waren Disziplin und Konzentration für mich am Wichtigsten, nicht nur die genaue Beobachtung, sondern dessen genaue Übertragung auf Papier und Leinwand. Ich bin ziemlich gefühlsgeleitet und versuche, schnell zu arbeiten. Das Studium erfordert Geduld und Genauigkeit, so dass man Gefahr läuft, seine Intuition zu verlieren. Aber schließlich brauchst Du für die Arbeit Deine Intuition und Dein Herz, auch wenn die Technik Dich sehr einengt. Es ist nicht einfach.

Was leistet Kunst Ihrer Meinung nach?

Durch Kunst findet man Zugang zum eigenen Inneren. Wenn Du diese Verbindung zu Dir selbst hast, macht es Dich meiner Meinung nach zu einem besseren Menschen und hilft Dir dabei, besser mit anderen zusammenzuleben.

Verschiedene Techniken und Stile bieten unterschiedliche Chancen. Man kann sich auf so viele Arten ausdrücken. Abstrakte Kunst war zum Beispiel immer Teil meiner eigenen Sprache. Sie gibt mir Zugang zu den abstrakten Gefühlen, die ich nur schwer ausdrücken kann.

Hat Kunst eine Bildungsfunktion?

Professor Agustín Incicco: Ja klar, aber nicht in dem Sinne, dass ich sage: 'Ich weiß dieses und jenes und gebe es an Dich weiter', sondern eher im Sinne von: 'Ich habe eine Verbindung zu Dir und dadurch empfinden wir beide etwas, dass uns einander näher bringt und besser macht. Wir lernen einander kennen, auch wenn wir vielleicht sehr unterschiedlich sind und nicht miteinander auskommen würden."

Viele Ihrer Werke erzeugen ein Gefühl von Melancholie und Vergänglichkeit – woran liegt das?

Professor Agustín Incicco: Sich Vergangenes in Erinnerung zu rufen, erzeugt ein Gefühl von guten Zeiten, die vorbei sind. Etwas das verloren gegangen ist, die Akzeptanz, auch Tod zu akzeptieren. Damit zu leben, ist Teil dieser Melancholie. Das heißt nicht unbedingt, dass ich denke, dass die Vergangenheit besser ist als die Gegenwart. Die Gegenwart ist für mich persönlich sehr gut. Aber meiner Meinung nach gibt es im Leben von jedem Menschen Dinge, die er allein mit sich herumschleppt, die Teil der Persönlichkeit oder Vergangenheit sind, und es ist schwierig, sie loszuwerden. Wenn man gut mit diesen Dingen leben will, muss man sie anerkennen. Kunst hilft einem dabei, mit Dingen klarzukommen, die eine Bürde sein können.

Als ich zum ersten Mal aus Südamerika nach Europa kam, wusste ich zum Beispiel von den zwei Weltkriegen, aber hatte keinen persönlichen Zugang, einfach weil ich so weit weg aufgewachsen bin. In Deutschland – insbesondere in Berlin und Dresden – wurde diese Geschichte für mich fassbarer. Die europäische Vergangenheit findet sich auch in der Gegenwart wieder. Es hat mich sehr berührt, diese Realität zu erfahren. Ich hoffe nur, dass wir in Europa alle intelligent und erwachsen genug sind, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Experimentelles Wohnen im Silo-Haus© Tarifcheck.de - Kristina Vogt

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Für wen machen Sie Kunst?

Professor Agustín Incicco: Wenn ich arbeite, denke ich nicht an die Menschen, die meine Arbeiten vielleicht sehen. Ich tue es für mich. Es ist für mich essentiell, dass meine Arbeit Qualität hat, eine Berechtigung als fertige Arbeit. Wenn ich von Qualität spreche, spreche ich natürlich von Werten, und wenn ich von Werten rede, dann meine ich natürlich eine Beurteilung. Und diese Beurteilung kommt von Dritten. Also sind die Betrachter selbstverständlich inbegriffen. Trotzdem mache ich es nicht für andere und muss in erster Linie selbst etwas empfinden. Und das löst in anderen dann vielleicht auch etwas aus.

Manchmal versuche ich, die Gefühle eines anderen Menschen einzubinden. Wenn ich in einem bestimmten Moment etwas fassen kann, das diese Person ausstrahlt und mich das interessiert, dann tue ich das. Und dann ist es eine Kombination von meinen Emotionen und denen von ihr oder ihm. Aber generell versuche ich, mich nicht darauf zu versteifen, weil es vielleicht nicht so klappt, wie ich es gerne hätte.

Weshalb haben Sie sich nach all Ihren Reisen in Barcelona niedergelassen?

Professor Agustín Incicco: Barcelona ist eine sehr offene, freundliche Stadt, einige meiner Freunde leben dort. Ich brauchte nach fünf, sechs Jahren auf Reisen ein Zuhause. Ich wollte wieder mehr malen und zeichnen, aber wusste nicht, wie ich damit anfangen soll. Ich habe deshalb dort erst mal eine Weile als Aktmodell gearbeitet. Das hat mir dabei geholfen, mich selbst besser zu verstehen – als Mensch und in meinem Beruf. Als Aktmodell bist Du sehr verletzlich, aber hast trotzdem eine Art Macht und stehst im Mittelpunkt. Abhängig von Deiner Stimmung oder Pose erhältst Du unterschiedliche Reaktionen. Du siehst Dich quasi durch die Augen von anderen. Und umgekehrt beobachten die anderen nicht nur Dich, sondern Du beobachtest alle anderen und siehst deren Verletzlichkeit, denn wenn sie zeichnen, tragen sie keine Maske.

Anschließend habe ich in Barcelona wieder angefangen, Kunstkurse zu besuchen und die Stadt als meine Basis genutzt. Seit Anfang 2016 unterrichte ich an einem Wochentag und male an fünf Wochentagen.

Reisen Sie immer noch viel?

Professor Agustín Incicco: Ja. Wenn ich reise, nehme ich meistens ein Skizzenbuch mit und zeichne, nutze Aquarellfarben oder mache mir Notizen. Ich verbinde die Reisen mit Arbeit, habe manchmal anderswo Ausstellungen oder gebe Kurse.

Weil ich Arbeiten und Reisen verknüpfe, treffe ich die Anwohner und fühle mich weniger als Tourist. Das ist die Art von Reisen, die ich inzwischen mag: An einem Ort sein, am dortigen Leben teilnehmen und dabei Inspiration finden – wie hier in Gibraltar.

Gibraltar - eine Inspiration© istockphoto.com - Razvan
Der imposante Felsen von Gibraltar hat im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Künstler, Musiker und Schriftsteller inspiriert.

Was möchten Sie in Zukunft erschaffen?

Professor Agustín Incicco: Ich würde gerne zwei Dinge tun: Erstens eine großflächige Serie mit Material wie Holz, Ton oder Stein über Menschen, die nicht nur Menschen sind, sondern sich verwandeln, gleichzeitig etwas anderes sind – Tiere, Steine, Bäume oder Pflanzen.

Und zweitens kleine Stillleben, um zu verstehen, welchen Einfluss Licht auf verschiedene Objekte hat. Man kann die ganze Welt anhand eines einzigen kleinen Objekts und einer einfachen Situation repräsentieren, das ist mein Ziel.


Besondere Berufe: Existenzgründer erzählen von erfolgreichen Projekten

Die Ebbüllwarft© Ebbuellwarft.de
Mit dem Gästehaus Ebbüllwarft haben sich zwei Existenzgründer ihren Lebenstraum erfüllt.

Ein Gästehaus? Eine Brauerei? Ein eigener Hof? Viele Menschen haben Träume, aber schrecken vor den Hürden der Existenzgründung zurück. Für zwei Archäologen in Nordfriesland hat sich der Aufwand gelohnt (Stand 10/2016).

Ester G. und Niels H. erwarben vor einem Jahr nahe der dänischen Grenze die EbbüllWarft, einen ökologisch sanierten Hof mit Nebengebäuden, großen Gärten und vielen Obstbäumen. Wie ihr Vorgänger betreiben sie dort ein Gäste- und Seminarhaus für 36 Leute. Parallel finden sie die Zeit, sich anderen Projekten zu widmen: dem Bau einer eigenen Brauerei zum Beispiel.

Es war definitiv die richtige Entscheidung.

Es war definitiv die richtige Entscheidung. Die Lebensqualität ist enorm hoch, erklärt Ester, während sie am großen Holztisch der einstigen Bauernküche Tee eingießt. Wir haben viele Freiheiten, können uns selbst verwirklichen, bestätigt Niels. Die beiden sind seit zehn Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich während des Archäologiestudiums in Hamburg.

Aber wie werden zwei Archäologen zu Gasteltern? Der Jobmarkt für Archäologen ist schwierig, sagt Niels, man hat Glück, wenn man im gleichen Bundesland arbeitet. Wir wollten keine Fernbeziehung führen und haben nach Alternativen gesucht. Beide planten schon länger, in Hamburg die Zelte abzubrechen, um in Niels Heimat Nordfriesland zu ziehen.

Archäologiekurse, ein Gästehaus und eine eigene Brauerei

Als sie im März 2015 den Hof entdeckten, war ihnen klar, dass es genau das Richtige war: Das Konzept funktioniert. Wir sind hier im Norden das einzige Gästehaus in dieser Gruppenstärke und haben Kooperationen mit umliegenden Tourismusagenturen, so Ester. Die Vermietung sei kein Vollzeitjob.

Wir hatten sofort weitere Ideen, kommentiert Niels. Die Brauerei ist fast fertiggebaut, eine Kooperation mit einem Hamburger Brauereigroßhändler steht zur Diskussion. Bald werden sie Kurse zu Braukunst und experimenteller Archäologie anbieten.

Die größte Hürde? Die Kreditbewilligung!

Es dauerte ein halbes Jahr, bis sie die Schlüssel zur EbbüllWarft in den Händen hielten. Was war die größte Hürde? Nach dem Studium waren wir Freiberufler – nicht die beste Grundvoraussetzung für eine Kreditbewilligung, sagt Niels, der mit Ester in vergangenen Jahren etliche Museumsprojekte und Grabungen begleitete, in Portugal oder Lettland etwa.

Auch Behördenauflagen erschwerten die Existenzgründung. Fast wäre der bewilligte Kredit an der Bauaufsicht gescheitert. Erst in letzter Sekunde kam die Genehmigung für den Bau der Brauerei. Zwischendurch waren wir trotz aller Vorstöße immer wieder bei null. Sechs Monate sind nicht lang, aber Zeit für etwas anderes hatten wir in jenen Monaten nicht, so Niels.

Ein Existenzgründerseminar der Industrie- und Handelskammer (IHK) verschaffte den beiden einen ersten Überblick über verschiedene Optionen. Einen Existenzgründerkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bekamen sie nicht. Der Grund? Die Förderung läuft nur über Banken, erklärt Ester, man ist gut beraten, wenn man eine Hausbank hat, die für einen verhandelt, weil sie einen kennt. Bei 'kleinen' Summen, wie wir sie brauchten, sind KfW-Kredite für Banken nicht lukrativ. Das Paar gab nicht auf und erhielt schließlich einen Kredit bei einer Bank in Nordfriesland. Deren wichtigster Tipp? Man sagte uns: 'Holen Sie sich einen Unternehmensberater. Ohne professionellen Businessplan geht es nicht', erklärt Niels.

Unternehmensberater, Businessplan & die richtigen Versicherungen

Mit unserem Unternehmensberater hatten wir riesiges Glück. Er ist jetzt auch unser Steuerberater, sagt Ester, er stand hinter unseren Ideen, hat superviel Zeit investiert und ist mit uns zu den Banken gegangen. Auch habe der Fachmann vor Ort einen guten Ruf. Der O-Ton der Kreditinstitute sei gewesen: Auf dieser Grundlage können wir arbeiten.

Ein Businessplan müsse die Finanzlage für die kommenden Jahre berechnen, erklärt Niels. Das sei ohne Erfahrung und regionale Vergleichszahlen schwierig: Der Vorbesitzer wollte verkaufen und man kann nicht erwarten, dass er einem seine Steuererklärung überlässt. Einige Zahlen waren für uns komplett irreal, erzählt Ester. Für private Lebenshaltungskosten werde für das Paar so 3.600 Euro monatlich veranschlagt. Das ist das Minimum, sonst wirkt man bei Banken unglaubwürdig, auch wenn viele Menschen weit unter diesem Niveau leben.

Oder die Kosten für Versicherungen im Businessplan, erklärt Niels, Man braucht viel mehr Versicherungen, als einem anfangs klar ist. Eine Immobilienversicherung ist zum Beispiel ein Muss. Auch andere Policen waren für sie als Gewerbetreibende plötzlich essentiell, eine Rechtsschutzversicherung zum Beispiel oder Betriebshaftpflichtschutz, falls hier auf dem Grundstück etwas passiert, sagt Niels, auch muss abgesichert sein, falls wir einer Gruppe aufgrund eines Wasserschadens absagen und Rückerstattungen leisten müssen.

Es ist sehr bereichernd, Leute kennenlernen, die man sonst nie getroffen hätte. Und die hat man im eigenen Haus und kann mit denen schnacken.

Bis jetzt gab es zum Glück noch keine Pannen: Wir stehen immer bereit und machen eine Hausabnahme. Sollte irgendetwas nicht in Ordnung sein, hilft ein direktes Gespräch, so Niels. Überhaupt würden sie ihre Kunden um Feedback bitten. Erklären, dass sie neu in der Branche seien, sagt Ester, wir fanden zum Beispiel heraus, dass viele Spiegel für Kinder die falsche Höhe hatten und einige Gäste Zimmernummern vermissen. Das haben wir geändert.

Wie gestaltet sich der Arbeitsalltag? Den gibt es nicht. Das ist das Schöne, meint Ester. An sonnigen Tagen konzentriere man sich auf Arbeiten draußen, bei schlechtem Wetter auf Büroarbeit. Und da fällt so einiges an: Neben täglichen Mietanfragen muss man Rechnungen zahlen und schreiben, monatlich die Umsatzsteuererklärung ausfüllen und Fragen des Statistischen Bundesamts beantworten, so Niels. Man schaue, was an Geländepflege und Reparaturen nötig sei, was man einkaufen und organisieren müsse. Von acht Uhr morgens bis Mitternacht stünden sie ihren Gästen mit all ihren Anliegen zur Verfügung. Es ist sehr bereichernd, Leute kennenlernen, die man sonst nie getroffen hätte. Und die hat man im eigenen Haus und kann mit denen schnacken, ergänzt Ester.

Gästehaus EbbüllWarft© Ebbuellwarft.de

Jobprofil: Gastgeber, Kursleiter, Hausmeister, Handwerker, Sekretär, Gärtner, Putzkraft, Braumeister, Allround-Talent.

Von Mai bis September 2016 war ihr Haus ausgebucht, insgesamt hatten sie in jener Zeit nur zwei Tage frei. Natürlich sei es manchmal stressig, aber man könne auch mal spontan ein paar Stunden freinehmen und an den Strand fahren. Wir haben manchmal kurze Wechsel, bei denen wir es nicht schaffen, 450 Quadratmeter komplett zu reinigen. Dann engagieren wir für den Grundputz eine Firma und konzentrieren uns auf Hausmeistertätigkeiten: Reparaturen, Inventur, aufräumen. Ansonsten machen wir alles allein, sagt Ester.

Ein weiterer Vorteil: Es gibt keine Arbeitswege. Ein Großteil der Umgebung arbeitet auf Sylt. Ich kenne keinen, der sich über die Fahrt in überfüllten Bussen, Bahnen und Fähren freut, insbesondere bei Schietwetter. Da haben wir es hier doch sehr gut, sagt Ester. Und weil bekannt ist, dass die beiden zuhause arbeiten, werden sie gerne besucht. Von ländlicher Abgeschiedenheit keine Spur: Neben den Gästen sind da Nachbarn, Freunde und Familienangehörige, die spontan zum Kaffee vorbeischauen, sich selbst zum Lagerfeuerabend einladen oder beim Herumwerkeln helfen. Auch während des Interviews kommt Besuch: Freunde bringen ihren Hund vorbei, weil der auf dem Hof mehr Spaß hat als beim Stadtbesuch.

Unser gesamtes Umfeld hat uns immer wieder ermutigt, das durchzuziehen

Wir hatten auf dem Weg in die Selbstständigkeit enorm viel Unterstützung. Das hat uns sehr geholfen. Unser gesamtes Umfeld hat uns immer wieder ermutigt, sagt Ester, viele haben gleich gesagt: 'Cool, macht das, zieht das durch! Und wenn es das irgendwann nicht mehr ist, ist das halt so. Aber probiert es auf jeden Fall, lasst Euch die Chance nicht entgehen.'

Ohne ein soziales Netzwerk vor Ort hätten wir die Existenzgründung nicht gemacht und nicht geschafft, betont Ester. Hier stünde bei Engpässen beispielsweise Niels Bruder helfend vor der Tür. Man müsse nur einen Anruf bei Freunden tätigen, bevor man wisse, wer für eine bestimmte Dienstleistung der richtige Ansprechpartner sei. Das gebe sehr viel Sicherheit.

Kann das Paar jedem zur Existenzgründung raten? Beide verneinen. Man müsse vorher überlegen, ob man trotz hoher Schulden und unsicheren Einnahmequellen gut schlafen könne. Für sicherheitsliebende Menschen sei es keine Option. Der Betrieb müsste immer laufen, auch wenn man krank sei. Für Ester und Niels war es jedoch genau das Richtige: Die Vermietung läuft gut. Uns geht es gut. Das ist es halt einfach, so Niels.

Wir wollen wachsen und größer werden. Und Ideen haben wir ganz viele.

Langweilig wird uns in den nächsten Jahren bestimmt nicht, sagt Ester. Aus der Scheune soll nächstes Jahr eine Werkstatt werden, die EbbüllWarft ein regionaler Treff. Kooperationen wollen ausgebaut werden. Falls Kapital da ist, sagt man vielleicht: 'Wir gönnen unseren Gästen ein bisschen Luxus', eine Sauna zum Beispiel, ergänzt Niels, wir wollen wachsen und größer werden. Und Ideen haben wir ganz viele.


8 Tipps von Existenzgründer zu Existenzgründer

Zwei Archäologen erfüllten sich mit dem Kauf einer Warft ihren Lebenstraum: acht Tipps von Existenzgründer zu Existenzgründer.

1 Die Idee mit Angehörigen und Freunden besprechen

Das Feedback von Freunden und Familie ist enorm wichtig – das Wissen, dass sie an das Projekt glauben, sagt Niels. Falls das Umfeld hingegen Zweifel äußert, weil das Risiko zu groß, das Konzept nicht ausgereift oder die Lage falsch sei, sollte man das ernstnehmen und den Plan nochmal überdenken. Wenn man Angehörigen eine Idee nicht vermitteln könne, ergänzt Ester, wird es noch schwieriger sein, Fremde zu überzeugen.

2 Nicht von Hürden entmutigen lassen, wenn man von der Idee überzeugt ist

Wenn das Konzept überzeugt, soll man sich von Hürden nicht abschrecken lassen, sagt Niels. Klar berge die Selbstständigkeit Risiken, aber das werde durch die Freiheit aufgewogen, sich selbst zu verwirklichen – wenn man der Typ dafür sei. Eine der größten Hürden für das freiberufliche Paar war die Kreditbewilligung. Auch Auflagen von Behörden sorgten für Verzögerungen. Wir haben ein halbes Jahr nichts anderes getan, als mit Ämtern, Banken und Fachleuten zu sprechen, kommentiert Ester, aber wir sind unglaublich froh, dass wir es durchgezogen haben. Es war definitiv die richtige Entscheidung.

3 Existenzgründerseminare besuchen

Existenzgründerseminare bereiten einen zwar nicht auf alles vor, helfen aber bei der Schaffung eines gewissen Überblicks, so die Meinung des Paars. Etwa bei den Fragen Was muss ich beachten? Wo kriege ich Geld her? Was sind meine Möglichkeiten? Sie selbst besuchten Seminare der Industrie- und Handelskammer in Lübeck.

4 Einen Unternehmensberater mit guten Qualifikationen engagieren

Es war wichtig, einen Unternehmensberater zu engagieren, der mit uns die Finanzen durchgeht erklärt Niels. Wolle man einen Kredit aufnehmen, würde man ohne Unternehmensberater nicht ernst genommen. Ester rät, sich jemanden zu suchen, der hinter der eigenen Idee steht: Dabei sollte man auch die Qualifikation des Beraters im Auge behalten, ob er beispielsweise Bankkaufmann oder Steuerberater ist. Jeder kann sich Unternehmensberater nennen, es ist kein geschützter Begriff.

5 Sich nicht von den Zahlen im Businessplan überrollen lassen

Der Unternehmensberater erstellt für Kreditgeber einen Businessplan – also einen Finanzplan für die kommenden Jahre, erklärt Ester. Die Zahlen waren ganz anders, als die beiden erwartet hatten, zum Beispiel für den Umsatz in kommenden Jahren. Auch sind Unkosten dabei, die man am Anfang vielleicht gar nicht bedacht hat. Wir hätten zum Beispiel nie derartig hohe Kosten für Telekommunikation oder Versicherungen veranschlagt.

6 Das Unternehmen mit den richtigen Versicherungen schützen

Als Gewerbetreibende muss man sich absichern: Im Businessplan sind das große Posten, die da zusammenkommen, aber es ist gut, das sie versichert sind, falls doch mal was passiert, sagt Niels. Je nach der Struktur des eigenen Unternehmens seien Betriebshaftpflicht- oder Berufshaftpflichtversicherungen, Rechtschutzversicherungen oder andere Policen ein Muss.

7 Einen Standort wählen, an dem man ein Netzwerk hat

Ohne ein Netzwerk vor Ort hätten wir es nicht gemacht und nicht geschafft, betonen beide. Man müsse Kontakte haben, jemanden, der einen aufmuntert, wenn es nicht nach Plan laufe oder helfend zur Stelle ist. Jemand, der wisse, an wen man sich bei unvorhergesehenen Ereignissen wenden könne und neue Ideen mit einem durchspreche. Es ist wichtig zu wissen, dass es Menschen gibt, die einen auffangen, so das Paar.

8 Gut Ding will Weile haben

Trotz der perfekten Planung kann es viele unvorhergesehene Ereignisse geben, erklären Ester und Niels – durch Verzögerungen bei den Ämtern beispielsweise, durch ein kaputtes Gerät oder Lieferschwierigkeiten bei dringend benötigten Materialien: Solange man sich daraus nicht aus dem Konzept bringen lässt, ist alles zu schaffen.

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