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Lebensart

Autoüberführung – mit dem Ferrari nach Moskau

Besondere Berufe

von Kristina Vogt 09.11.2016

Jürgen Schelhorn bewegt Autos, Lastkraftwagen und sogar Sattelzüge professionell durch Europa. Auch während des Interviews ist er unterwegs und beantwortet Fragen über die Freisprechanlage. Seit zwölf Jahren leitet der gebürtige Bayer eine Kfz-Überführungsfirma in seiner Wahlheimat Leipzig. Was erlebt man am Steuer von Cadillac, Lamborghini & Co.? Und welche Qualifikationen braucht man für den Job?

Viermal zum Mond und zurück

Man muss das Fahren schon sehr lieben, sagt Schelhorn, Geschäftsführer der A+B Autoüberführung GmbH. Pro Monat transportieren er und die insgesamt 40 Angestellten und Freiberufler zwischen 1.200 und 1.700 Fahrzeuge. Pro Tag fährt Schelhorn oft an die 1.000 Kilometer, im Monat bis zu 20.000. Insgesamt legt die Truppe jährlich rund drei Millionen Kilometer zurück. Das ist umgerechnet fast viermal der Weg zum Mond und zurück.

Mit einem Cadillac ATS von Darmstadt nach Berlin? Einem 64er Chevrolet von Bremerhaven nach Österreich? Für die Autoüberführer keine Seltenheit. Die abenteuerlichste Fahrt war mit einen Ferrari von Berlin nach Moskau, erzählt Schelhorn, der war ganz neu, hatte gerade mal zehn Kilometer drauf. Ich kenne die russischen Straßen sehr gut. Man hat da ungefähr alle 30 Kilometer Kontrollen der russischen Verkehrspolizei. Und wenn die so ein Auto sieht, stoppt sie einen natürlich und versucht, ein paar Rubel zu ergattern.

Vom Smart bis zum Sattelzug, vom BMW M6 Cabriolet bis zum Boot

Reine Romantik ist der Job selbstverständlich nicht, kommentiert Schelhorn. Und natürlich fahren die Autoüberführer nicht nur Luxusautos für Privatkunden durch die Gegend. Auch Autovermieter nutzen den Service, um ihre Fahrzeuge von einer Station zur anderen zu schaffen: Wir müssen beispielsweise deutsche Fahrzeuge aus Frankreich holen oder französische Autos nach Slowenien, Kroatien oder Dänemark bringen.

Die Firmenaufträge sind so divers wie die Fahrzeuglandschaft: Wir transportieren alles vom Smart bis zum BMW M6 Cabrio, erklärt der professionelle Autoüberführer. Einer seiner Angestellten habe beispielsweise gerade einen neuen Cadillac ATS von Darmstadt nach Berlin gefahren. Journalisten würden mit dem Neuwagen dort eine Testfahrt machen, anschließend ist der Kollege im Bus nach Hamburg gefahren und hat vom Springer Verlag ein anderes Auto abgeholt, das man dort im Rahmen von Reportagen getestet hat. Gerade fährt er damit wieder nach Darmstadt.

Die A+B Autoüberführung GmbH ist nicht nur für Autos zuständig: Wir transportieren auch Sattelzüge und Lkw bis 40 Tonnen. Die Sattelzüge sind natürlich nicht voll. Man hat zum Beispiel Zugmaschinen und Kühlcontainer, die zur Reparatur gebracht werden. Auch Big Wheeler und Boote habe das Unternehmen schon befördert. Zu Motorrädern gäbe es jedoch keine Anfragen. Das heißt, einmal wurde eins auf einem Hänger transportiert. Aber das war ein Oldtimer-Motorrad, das aufbereitet werden sollte.

Starke Nerven, Ausdauer und Abenteuergeist

Sind Fahrzeuge nicht verkehrstauglich oder nicht auf hiesigen Straßen zugelassen, werden sie auf Hängern transportiert, erläutert Schelhorn. Andernfalls setzen sich die Profis direkt hinter das Steuer der Kfz. Die Voraussetzung: Das Gefährt muss eine gültige Kfz-Versicherung haben. Im Zeitraum zwischen Abholung und Übergabe haften A+B Autoüberführung GmbH und deren Vertragspartner für alle etwaigen Schäden. Das A und O für das Unternehmen sei deshalb eine gute Betriebshaftpflichtversicherung.

Bevor es losgeht, wird jedes Fahrzeug auf Herz und Nieren geprüft: Wenn man bei der Übergabe einen Schaden an einem Auto übersieht, wird der uns von den Auftraggebern rigoros in Rechnung gestellt. Man muss die Dinge sehr, sehr gewissenhaft übernehmen und sehr, sehr gewissenhaft übergeben. Das ist im Prinzip ein Zeitaufwand, der nicht bezahlt wird.

Auch die Witterungsverhältnisse spielen eine Rolle: Wenn Sie jetzt im Winter Autos mit Sommerreifen bewegen sollen, dann ist das schon schwierig. Wir sagen solche Aufträge entweder ab oder warten auf trockenes Wetter.

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Einen roten 64er Chevrolet brachte Schelhorn von Bremerhaven nach Österreich.

Es gibt noch weitere Aufträge, die die Profis nicht annehmen: Wir hatten Anfragen aus dem Nahen Osten. Dorthin fahren wir aus logistischen Gründen nicht. Viele Faktoren seien nicht kalkulierbar, beispielsweise die Sicherheit, Querverbindungen vor Ort, unterschiedliche Preisangaben im Internet einerseits und vor Ort andererseits.

Man muss sich als Fahrer mit den Gepflogenheiten und Gesetzen des Landes gut auskennen, erklärt Schelhorn. Er selbst spricht Englisch, Russisch, Spanisch, Italienisch und Französisch. Die Fahrer müssen sehr flexibel sein und mit den unterschiedlichsten Situationen zurechtkommen können. Die Tätigkeit ist bei weitem nicht so unqualifiziert, wie man das auf den ersten Blick vielleicht abtun könnte.

Sobald man eine Tour einmal gefahren habe, werde es einfacher. Man wisse um geeignete Stationen und günstige Hotels. Die Leute und Abläufe an diesen Stationen kennt man dann schon und das geht dann relativ easy. Und wenn man mal ein Sixpack deutsches Bier mitbringt, geht es alles noch leichter.

Die Voraussetzungen, um von Schelhorn beschäftigt zu werden: Die entsprechende Fahrerlaubnis und die Module dazu. Ansonsten fünf Jahre Führerschein und keinen Eintrag in Flensburg.

Nebenjob für Polizisten & die Monotonie der Autobahn

Gearbeitet wird auch an den Wochenenden: Wir haben Freiberufler und Teilzeitfahrer – junge Polizisten von der Bereitschaftspolizei zum Beispiel. Die haben nur Samstag oder Sonntag frei und nutzen die Zeit dazu, ein Auto nach Amsterdam zu bringen, einen halben Tag am Meer zu verbringen und dann zurückfahren.

Überhaupt kombinieren viele die Arbeit mit dem Vergnügen. Die meisten Autoüberführerinnen und Autoüberführer haben Präferenzen, fahren besonders gerne durch bestimmte Länder oder Landstriche – durch schattige Alleen, gewundene Küstenstraßen oder das Gebirge. Einer macht zum Beispiel in Paris immer eine Rundfahrt in einem Touristenbus.

Ein Zuckerschlecken ist es trotzdem nicht, denn trotz aller Abwechslung bleibt die Monotonie der Autobahn, so Schelhorn. Wenn man ein Kfz ins Ausland überführe, habe man in den meisten Fällen schon 500 Kilometer auf einer deutschen Autobahn hinter sich. Diese Straßen erforderten aufgrund des großen Verkehrsaufkommens eine hohe Konzentration. Fahrer nehmen deshalb immer den Weg durch die Dörfer und über Landstraßen. Die Tempoänderungen sorgten für Abwechslung und würden Müdigkeit entgegenwirken. Zusätzlich umgehe man Maut-Gebühren und könne die Überführungskosten senken.

Freie Fahrt voraus: kosmopolitische Nachteulen

Oft sind die Fahrprofis nachts unterwegs: Die Straße ist freier. Man vermeidet lange Staus auf der A7 oder A9, sagt Schelhorn, außerdem übernehmen wir viele Autos auch abends und geben sie dann morgens wieder ab. Zum Beispiel das Kfz einer deutschen Kundin, die im Sommer in Italien lebt: Wenn der TÜV fällig ist, fliegt ein Mitarbeiter nach Italien, holt das Auto, bringt es in Bayern zum TÜV, schläft in einem Tageshotel und fährt das Auto in der Nacht wieder zurück.

Wie kommt man eigentlich dazu, ein derartiges Unternehmen zu gründen? Die Antwort ist simpel: Der Bedarf war da. Das ist er immer noch. Auch nach zwölf Jahren in der Branche will Geschäftsführer Schelhorn den Beruf nicht missen – trotz Nachtschichten, eintönigen Streckenabschnitten und den zuweilen eigenwilligen Ordnungshütern. Ein Plus für ihn ist der Umgang mit den vielen Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen und Ländern. Es ist schon spannend, kommentiert Schelhorn über die Freisprechanlage des silberfarbigen Peugeot 508, mit dem er gerade von Leipzig nach München fährt.

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