Feuerwehr in Deutschland© frankdaniels - Fotolia.com

Feuerwehr, Brandschutz, Einsätze: Das muss man wissen

Interview mit Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband (DFV)

Lebensart von Kristina Vogt 10.07.2017

Mit 81 Millionen Einwohnern, vielen Industriewerken und einigen Pyromanen hat die Feuerwehr hierzulande viel zu tun. Was sind die häufigsten Brandursachen? Wie können Verbraucher vorbeugen? Welche Versicherungen zahlen, wenn es zu spät ist? Und wie erklärt man Kindern den richtigen Umgang mit Feuer? Mehr dazu finden Sie in unserer Beitragsreihe über Feuerwehr und Brandschutz.

Wann kommt die Feuerwehr in Deutschland zum Einsatz? Was ist der Unterschied zwischen Berufsfeuerwehr und Freiwilliger Feuerwehr? Kann man sich auch im gestandenen Alter noch engagieren? Wir sprachen mit Silvia Darmstädter. Sie ist Pressereferentin des Deutschen Feuerwehrverbands (DFV) und freiwillige Feuerwehrfrau in Berlin-Zehlendorf.

Eine Million Feuerwehrfrauen und Feuerwehrmänner ...

In Deutschland gibt es nach unseren aktuellen Zahlen 998.682 freiwillige und 30.796 Berufsfeuerwehrleute, erklärt die DFV-Pressereferentin, hinzu kämen noch die Mitglieder der Jugend- und Werkfeuerwehren.

... für 357.376 km² Fläche & 81,2 Millionen Einwohner

Das klingt erst mal nach viel. Ist es aber gar nicht: Schließlich umfasst das Einsatzgebiet nach Daten des Statistischen Bundesamts 357.376 Quadratkilometer Fläche, 11.092 Gemeinden und fast 40,8 Millionen private Haushalte. Verantwortlich sind die Helfer nicht nur für Brandbekämpfung, sondern beispielsweise auch für Notfallrettung und Katastrophenschutz.

Anzahl der Feuerwehrleute (Quelle: DFV, Stand; 31.12.2014)

  • Berufsfeuerwehr: 30.796
  • Freiwillige Feuerwehr: 998.682
  • Jugendfeuerwehr: 245.817
  • Werkfeuerwehr: 30.408
Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband© R. Thumser - DFV
Silvia Darmstädter ist DFV-Pressereferentin und freiwillige Feuerwehrfrau in Berlin-Zehlendorf.

Die überwiegende Mehrheit der Ehrenamtlichen geht parallel einem Berufsleben nach. Ihr Engagement endet nicht bei den Einsätzen, auch in Fortbildungen, Brandschutzaufklärung und Wartung der Geräte investieren sie uneigennützig viel Zeit. Die Familien der Feuerwehrleute sind zwangsläufig beteiligt: Spontan wegfahren? Nicht möglich, wenn man einsatzbereit sein muss. Auf Familienfeiern, Kindergeburtstage oder romantische Abende kann man keine Rücksicht nehmen, wenn der Alarm schrillt.

Was genau ist eine Berufsfeuerwehr?

Nach den föderalen Brandschutzgesetzen müssen Ortschaften ab 100.000 Einwohnern eine Berufsfeuerwehr haben, erklärt Darmstädter. Zudem gebe es weitere Kriterien und Ausnahmen: In Städten der ehemaligen DDR waren die Grenzen andere; so hat zum Beispiel Weimar eine Berufsfeuerwehr, auch wenn es nur rund 65.000 Einwohner gibt.

Es gibt in der BRD 105 Berufsfeuerwehren an 341 Standorten, wobei nicht alle Berufsfeuerwehren einzelne Standorte extra zählen, so Darmstädter.

Was genau ist die Freiwillige Feuerwehr?

Unter den 998.682 Freiwilligen gibt es insgesamt 6.170 hauptberuflich Angestellte. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich, gehen parallel einem Beruf nach und erhalten allenfalls eine Aufwandsentschädigung. Die Freiwillige Feuerwehr übernimmt die gleichen Aufgaben wie die Berufsfeuerwehr, unterstützt sie maßgeblich oder führt Einsätze komplett alleine durch.

Mit 22.634 Freiwilligen Feuerwehren an 31.290 Standorten in Deutschland haben wir mehr Filialen als die Post, lacht die Feuerwehrfrau.

Was macht die Werkfeuerwehr?

Unter Werkfeuerwehren versteht man die Brandschutzabteilungen von Flughäfen und industriellen Werken. Mit wenigen Ausnahmen sind sie allein für den Brandschutz auf dem Gelände des jeweiligen Werks oder Flughafens zuständig.

Entsprechend der DFV-Statistik gibt es hierzulande 30.408 Werkfeuerwehrleute. Die Anzahl dieser ehrenamtlich tätigen oder hauptamtlichen angestellten Kräfte ist demnach fast genauso hoch wie die der Berufsfeuerwehrleute in Deutschland.

Was macht die Jugendfeuerwehr?

Die Jugendfeuerwehr ist nicht an Einsätzen beteiligt, so Darmstädter. Als einer der größten Jugendverbände leiste sie allgemeine Jugendarbeit, primär aber Brandschutzerziehung und die Vorbereitung auf die Arbeit bei der Feuerwehr. Viele sind von den roten Autos, Geräten und Techniken fasziniert. Der Umgang damit ist ein Alleinstellungsmerkmal. Viele Mitglieder gehen später aufgrund von Ausbildung oder Studium andere Wege. Vielerorts ist die Teilnahme ab zehn Jahren möglich. Mancherorts wird der Umgang mit Feuer in Kindergruppen auch früher gelehrt.

Wofür ist die Feuerwehr zuständig und wie oft rückt sie aus?

Die Feuerwehr hat weitaus mehr zu tun als nur Brandprävention. Im Jahr 2014 gab es mehr als 3,7 Millionen Einsätze, kommentiert Darmstädter. Die Lebensretter rücken nicht nur aus, wenn es brennt, sondern auch bei Unwettern, Verkehrsunfällen, Krankentransporten oder der Beseitigung gefährlicher Chemikalien. Im letzten Jahr standen sie dabei auch bei dem Amoklauf in München und dem Terroranschlag in Berlin helfend zur Seite.

Ob es in den letzten Jahren aufgrund von Unwettern und Terroranschlägen mehr Einsätze gab, kann ich nicht beantworten, sagt Darmstädter, der Feuerwehrverband erhält die Zahlen von den Bundesländern. Die aktuelle Datensammlung stammt von 2014. Zudem sei entsprechend der gesetzlich vorgegebenen Aufschlüsselung nicht immer ersichtlich, worum es sich bei einem Einsatz genau handele.

In die Kategorie 'technische Hilfsleistungen' fielen etwa auch die Beseitigung von Ölspuren oder die Hilfeleistung bei Überschwemmungen und im Katastrophenfall. Zu der Einsatzkategorie 'Tiere / Insekten' gehören zum Beispiel die Katze, die man vom Baum holt, das Wespennest, das man aus der Kita entfernt oder der Hund, den man aus dem Fuchsbau befreit, erklärt die Feuerwehrfrau.

Über 3,7 Millionen Feuerwehreinsätze in Deutschland im Jahr 2014

Nicht berücksichtigt in diesen Zahlen des DFV wurden Brandschutz-Informationsveranstaltungen der Feuerwehren.

  • Brände / Explosionen: 175.354
  • Notfallrettung: 2.214.803
  • Techn. Hilfsleistungen: 553.880
  • Krankentransporte: 550.340
  • Fehlalarm: 172.751
  • Tiere / Insekten: 34.144

Brandschutzerziehung

Zusätzlich zu den Einsätzen ist die Feuerwehr aufklärend tätig: Es gibt verschiedene Konzepte für Brandschutzerziehung. Es ist klar, dass die Anforderungen für Kleinkinder, Schüler, Erwachsene, Senioren, Migranten und Menschen mit einer Behinderung je anders ausfallen und pädagogisch angepasst werden, kommentiert Darmstädter.

Dass bei den Informationsveranstaltungen viel Zeit drauf geht, stört die Feuerwehrfrau nicht: Es macht Spaß. Und man kann Leben retten. Insbesondere die Brandschutzerziehung von Kindern sei wichtig: Stellen Sie sich vor, auf einmal dringen fremde, vermummte Menschen mit Atemmasken in ihre Wohnung ein und brechen vielleicht sogar noch die Tür auf. Da hätten Sie als Kind auch Angst, sagt Darmstädter.

Es sei deshalb sehr wichtig, Kindern beizubringen, dass man sich vor Feuerwehrleuten nicht fürchten müsse. Essentiell sei auch, Kindern zu vermitteln, dass man sich vor einem Brand nicht verstecken könne: Wer einmal miterlebt hat, dass ein Kind ums Leben gekommen ist, weil es sich bei einem Feuer unterm Bett versteckt hat, der macht sehr gerne Brandschutzaufklärung, glauben Sie mir!

Brandschutzerziehung für Kleine

Die wichtigsten Punkte laut Feuerwehrfrau Darmstädter:

  • Vor der Feuerwehr muss man keine Angst haben.
  • Bei Feuer weglaufen, statt sich zu verstecken.
  • Alarm schlagen, statt still zu bleiben.
  • Notruf üben: Wie lautet die Notrufnummer, wie die eigene Adresse? Welche Informationen sind wichtig?
  • Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Feuer und Hitze beibringen, denn Feuer übt auf Kinder immer eine Faszination aus.

Feuerwehrleute erleben schlimme Dinge. Wie verarbeitet man das?

Wie wird man mit solchen Erlebnissen fertig? Mit den Gefühlen von Ohnmacht, wenn man nicht jeden retten kann oder gar Leichen aus Autowracks, Gewässern oder Ruinen bergen muss? Nach dem Zugunglück von Eschede 1998 und dem 11. September 2001 gab es in der Feuerwehr ein Umdenken, sagt Darmstädter, damals hat man erkannt, dass Feuerwehrleute nicht nur Helden und Helfer sind, sondern auch mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen haben.

Man verarbeite schlimme Szenen deshalb nicht nur im Austausch mit den Kameraden, sondern könne auch psychologische Nachsorge beantragen. Letzteres Angebot gelte übrigens nicht nur für die Feuerwehrleute und deren Angehörigen, sondern auch für Unfallopfer und Hinterbliebene.

Infografik: Feuerwehr in Deutschland – Zahlen und Fakten© Tarifcheck.de
Infografik: Zum Vergrößern auf die Grafik klicken.

Wie finanzieren sich Freiwillige Feuerwehren?

Dafür sind die Kommunen zuständig. Der Bedarf wird anhand von Entwicklungsplänen bestimmt, sagt die Fachfrau. In kleinen Dörfern ohne Hochhäuser brauche man beispielsweise keine Drehleiter, in einer Ortschaft ohne Gewässer kein Schlauchboot. Auch die Anzahl von Altersheimen, Schulen, Kitas oder Fabriken mit feuergefährlichen Gütern bestimmen den Bedarf: Die Anzahl der benötigten Feuerwehrleute und die notwendige Ausrüstung hängt also immer von der lokalen Infrastruktur ab.

Auch wenn Gebäude, Geräte und Zubehör gestellt werden, die meisten Helfer arbeiten ehrenamtlich: Manche Gemeinden beschäftigen einen hauptamtlichen Gerätewart oder jemanden, der in den Stoßzeiten verfügbar ist, führt Darmstädter aus. Insgesamt 6.170 Angestellte seien im Verhältnis zu einer Million Freiwilligen an mehr als 30.000 Standorten jedoch marginal. Abhängig von den Feuerwehrsatzungen der Kommunen erhielten Feuerwehrleute unter Umständen eine Aufwandsentschädigung.

Warum ist die Feuerwehr freiwillig?

Die Feuerwehr gehört zu den wichtigsten Institutionen in Deutschland. Warum wird sie fast komplett von Ehrenamtlichen getragen? Darmstädter erklärt: Dahinter steckt sowohl der Gemeinschaftsgedanke als auch Selbstschutz: Wenn es früher gebrannt hat, war meist das ganze Dorf betroffen. Die Feuerwehr habe sich deshalb im 18. und 19. Jahrhundert aus den Turnerverbünden weiterentwickelt, deren Mitglieder jung und durchtrainiert waren, Wassereimer tragen und in brennende Häuser klettern konnten.

Auch heute noch steht bei vielen Feuerwehrleuten der Altruismusgedanke hinter dem Engagement, so die Fachfrau.

Gibt es ein Nachwuchsproblem?

Es gibt immer noch genügend Menschen, die sich ehrenamtlich einsetzen, beschwichtigt Darmstädter, in den letzten Jahrzehnten sehen wir aber aufgrund von demographischem und sozialem Wandel neue gesellschaftliche Herausforderungen. So nehme die Anzahl der Berufspendler zu, das würde das Engagement teilweise erschweren, auch durch bürokratische Hürden: Bis vor kurzem gab es Gesetzgebungen, nachdem beispielsweise ein in Berlin arbeitender Brandenburger nicht bei der dortigen Feuerwehr aktiv sein darf.

Ein weiteres Problem ist die Jobunsicherheit heutzutage, so Darmstädter, viele Arbeitgeber machen einfach nicht mit. Wenn jemand während der Arbeitszeit zu Einsätzen gerufen werde, fänden Arbeitnehmer oft Gründe für eine Kündigung. Der Deutsche Feuerwehrverband zeichne deshalb Unternehmen aus, die das Engagement von Mitarbeitern bei der Freiwilligen Feuerwehr unterstützen. Diese Firmen erhielten das Siegel 'Partner der Feuerwehr'.

Wer kann zur Freiwilligen Feuerwehr gehen? Geht das ohne Vorkenntnisse?

Kann man sich eigentlich auch als Erwachsener noch dazu entscheiden, der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten? Welche Eigenschaften muss man mitbringen? Zuallererst braucht man ein Lächeln und Gemeinschaftssinn. Man muss sich aufeinander verlassen können, sagt Darmstädter, und natürlich kann man auch Neulinge willkommen, die bereits mitten im Leben stehen.

Die Entscheidung, ob man ausreichend Zeit und Interesse für das Engagement habe, falle meist nach mehrmaliger Teilnahme: Es gibt viele Aufgabenbereiche: Zum Beispiel Maschinist oder der Einsatz bei Gefahrgutunfällen, wenn etwa nach einem Verkehrsunfall eines Chemikalientransporters giftige Stoffe austreten – die Feuerwehr wird dann in spezieller Schutzkleidung aktiv.

Und selbstverständlich wird man nicht ohne Training zu Einsätzen geschickt, sondern durchläuft vorher eine Grundausbildung, bedarfs- und interessenabhängig folgen weitere Lehrgänge und Fortbildungen.

Was wünschen sich Feuerwehrleute von den Bürgern?

Darmstädter lacht, als sie gefragt wird, was sich die Helfer von der übrigen Bevölkerung wünschen: Verständnis für die Feuerwehr. Menschenverstand – Notfallsirenen haben immer einen Grund. Bitte Platz machen, wenn man im Stadtverkehr oder auf der Autobahn einen Sondersignalton hört! Viele ignorieren den einfach und denken: 'Das geht mich nichts an.' – Und es wäre schön, wenn die Menschen etwas mehr auf ihre Umgebung achten würden.